Das Fremde in der Haut

Das Fremde in der Haut


Das wird man ja noch einmal sagen dürfen! Ich bin ja nicht rassistisch, aber…! Kommen uns diese Worthülsen nicht schmerzlich vertraut vor, auch in der Schwulenszene? Doch woher kommt dieser Rassismus in unserem Land, in dem rund 190 Nationen zusammenleben? 

Sogenannte Interracial-Pornos zwischen weißen und dunkelhäutigen Darstellern gehören seit Jahren online zu den favorisierten Heißmachern - die fremde Haut erotisiert. Anders im Alltag, wo nicht wenigen Schwulen das Fremde in der Haut dann doch Unbehagen bereitet. Selbst mancher schwuler Journalist befeuert gerne die Mär von den Flüchtigen, die alle nur zu gerne Homosexuelle ermorden – eine These, die faktisch längst wiederlegt ist. Der Hass, der diesem Rassismus zugrunde liegt, speist sich aus derselben Angst vor dem Unbekannten, mit der sich auch Homosexuelle seit Jahrzehnten auseinandersetzen müssen.



Rassismus und Schwulenhass entspringen aus einer Quelle  

Dass der Rassismus ein großes Problem ist, bejaht die Mehrheit der Deutschen (64 Prozent), denn die Bereitschaft, sich negativ über Asylsuchende zu äußern, hat nach der aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Bevölkerung zugenommen. Der Wert stieg von 49,5 Prozent im Jahr 2016 auf jetzt 54,1 Prozent an. Es ist das höchste Ergebnis, seitdem 2011 erstmals Meinungen über Asylsuchende abgefragt wurden.

Weiterhin zeigt die aktuelle FES-Studie auf, dass rund 7 Prozent der Bevölkerung eine rechtsextremistische Einstellung vertreten, beinahe jeder fünfte Deutsche wird als fremdenfeindlich eingestuft. Die Zahlen decken sich mit einer Studie der Universität Leipzig. Die Kernaussage ist: Menschenfeindlichkeit ist in Europa nach wie vor weit verbreitet. Um Rassismus zu bekämpfen, muss man ihn verstehen: Rassismus lässt sich als ein Diskriminierungsmuster und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse beschreiben, mit dem die gesellschaftliche Stellung einer dominanten Gruppe geschützt werden soll, so die Bundeszentrale für politische Bildung. 

Die christliche Erfindung des Rassismus 

Die heutige Form des Rassismus hat seinen Ursprung im Mittelalter, so Christian Geulen, Professor für Neuere Geschichte. Natürlich gab es zuvor schon Ausgrenzungen, doch erst die Christen des Mittelalters erhoben erstmals den Anspruch, dass ihre Religion die einzig wahre sei und untermauerten damit rassistisches Gedankengut, denn wer nicht dazugehörte, war minderwertig. Die Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert, die von philosophischen Konstrukten wie Empirismus, Rationalismus und der Forderung nach Gleichheit gekennzeichnet war, diente vielen Philosophen auch dazu, ihre Fremdenfeindlichkeit offen zu thematisieren. konnte den Rassismus nicht stoppen, im Gegenteil:

Es begann die bis heute vergebliche Jagd nach einem wissenschaftlichen Beweis. Zuerst in der Biologie der Menschen, dann in ihrer Kultur und zuletzt in ihren Genen, wo man erfolglos nach einer Legitimation für Rassismus suchte. Fakt ist: Alle heutigen Menschen stammen höchstwahrscheinlich von nur sieben (!) Müttern ab, die vor rund 72.000 Jahren im heutigen Simbabwe lebten (Harald Lesch: Die Menschheit schafft sich ab). An sich wird Rassismus mit dieser einfachen Erkenntnis obsolet. Nur leider verstehen wohl all jene, die am Rassismus festhalten, nicht einmal das Wort obsolet, geschweige denn die Aussage dahinter.


Schwulenfeindliche Kulturen?

Richtig ist, dass viele junge Männer aus Ländern flüchten, die eine sehr homosexuellenfeindliche Politik und Religion an den Tag legen – bis hin zu erlaubten Tötungen. Deswegen sind die meisten Flüchtigen aber noch keine schwulenfeindlichen Täter. Im internationalen Vergleich hat Deutschland eine sehr geringe Kriminalitätsrate, blickt man auf die Zahlen für anerkannte Flüchtlinge zeigt sich sogar, dass diese gesetzestreuer sind als die Deutschen. Was wir allerdings haben ist ein Anstieg von rassistisch motivierten Hass-Verbrechen.

Durch rassistisch motivierte Politik wird Rassismus wieder salonfähig und somit steigt auch die Bereitschaft zu Gewalttaten. Im Jahr 2017 verzeichnete das Bundesinnenministerium ca. 8.000 Fälle von Hasskriminalität, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Warum wir trotzdem Gewalttaten von ausländischen Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken, liegt zum einen laut Vereinen wie ProAsyl an der proportional erhöhten Berichterstattung in den Medien – ein türkischer Ehrenmord bleibt spannender als ein Familiendrama in Oberbayern.

Zum anderen aber auch oftmals an unserem erlernten Denkschemata, wie der Bike-Theft-Test eindrucksvoll belegt: Wird eine Straftat begangen, reagieren wir statistisch gesehen mehrheitlich gereizter und repressiver, wenn es sich um einen Täter mit dunkler Hautfarbe handelt. Es geht hier nicht darum, Straftaten anders zu werten, sondern die Hintergründe von Rassismus zu hinterfragen. Klar muss auch bleiben: Ein Kerl, der einen schwulen Mann niederschlägt, bleibt ein Arschloch – unabhängig von seiner Nationalität. Trotzdem: Gerade junge homosexuelle Flüchtlinge leiden besonders unter dem alltäglichen Rassismus, weil er mit dem Hass aus den eigenen Reihen der Flüchtlingsunterkünfte eine Symbiose eingeht.

Wenn diese jungen Männer auch noch Ablehnung in der schwulen Community erfahren, ist die Isolation perfekt, die aus Verzweiflung viele zur Prostitution verleitet. Vereine wie das SUB in München oder das Netzwerk Queer Refugees des LSVD versuchen zu helfen, wo es nur geht.


Rassismus ist eine Erfindung 

Dabei kann jeder von uns etwas tun. Rassismus ist so sehr in den Alltag vieler Menschen eingebunden, dass er oftmals unsichtbar wird. Also machen wir ihn wieder sichtbar! Egal, ob der Nachbar doch nur mal sagen wollte oder Bekannte abschätzige Witze machen – wenn wir schweigen, legitimieren wir den Rassismus. Kommt uns das nicht bekannt vor? Wie oft haben wir selbst dämliche Schwulenwitze in der Schulzeit hören müssen und keiner hat etwas dagegen gesagt? Rassistische Äußerungen sind niemals harmlos – wer sie tätigt, ist ein Rassist, bestätigt auch Konfliktforscher Andreas Zick im Interview der Tagesschau. 

Zeigen wir also Courage, sie beginnt schon mit der Sprache, indem wir entmenschlichte Wörter wie Flüchtlingswelle oder Asyl-Flut aus unserem Wortschatz streichen. Vielleicht hören wir das nächste Mal dafür genauer hin, wenn ein Mensch von seinen Erfahrungen mit Rassismus berichtet. Rassismus ist eine erfundene Ideologie, der es im Kern um Macht geht. Macht gegenüber anderen Menschen auszuüben, sie klein zu halten und ihnen ihre Lebensgrundlagen, von der Arbeit bis zur Wohnung, zu entziehen. Der schwule schwarze Schriftsteller James Baldwin brachte die Lösung einst auf den Punkt: „Macht euch die Mühe, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie einfach menschliche Wesen. Behandelt diese Menschen exakt so, wie man selbst von ihnen behandelt werden wollen würde!“

AUTOR:
Michael Soze

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