Der erfundene Freund

Der erfundene Freund


Wir alle kennen die Situation noch aus unserer Jugend, als die Frage nach dem ersten festen Partner immer mal wieder problematisch werden konnte. Entweder, weil wir noch ungeoutet durch die Welt gelaufen sind, oder einfach, weil wir noch als Single unterwegs waren. „Jetzt suche dir doch endlich mal einen süßen Kerl!“, war der Standardsatz im Freundeskreis, als wäre man nur als schwuler Mann komplett, wenn man einen Partner an seiner Seite hat.

Nicht wenige schwule Männer tragen diese Sichtweise viele Jahre mit sich herum, sie sehnen sich mit aller Gewalt nach der perfekten Beziehung, dem vollkommenen Boyfriend, und versuchen bewusst oder unbewusst dem gesellschaftlichen Klischeebild eines erfüllten Lebens nachzueifern. Während andere heiraten, Kinder bekommen beziehungsweise adoptieren oder ihre Langzeitbeziehungen feiern, scheinen andere Kerle nur von Affäre zu Affäre zu pilgern.

Immerhin die Hälfte aller schwulen Beziehungen besteht schon seit mehr als sechs Jahren. Und nicht selten geschieht es, dass man die genormten, anerzogenen Bilder aus der Kindheit, wie Beziehung zu sein hat, übernimmt oder sich vom Freundeskreis und von Bekannten immer wieder einreden lässt, wie beziehungsunfähig man doch ist.


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Wie tief der Wunsch nach Gemeinsamkeit verankert ist, zeigen regelmäßig Studien der Deutschen Aidshilfe. Demnach ist die Hälfte aller Schwulen aktuell Single, weit über achtzig Prozent davon wünschen sich eine feste Beziehung. Bei den Männern unter 30 Jahren steigt die Anzahl auf rund neunzig Prozent an. Auch nach über einem Jahr Ehe für alle haben viele Kerle noch immer nicht verstanden, dass eine Beziehung, eine Ehe, nur eine Option, aber kein Muss ist.

Wir könnten eigentlich frei unsere Lebensentwürfe gestalten und versuchen zu verstehen, dass diese gleichwertig nebeneinander bestehen dürfen – ob nun Single, zweisame Beziehung oder Partnerschaft mit mehreren Männern. 

Der Druck wächst – wo bleibt dein Freund!?

Doch der persönliche Leidensdruck scheint mit jedem verstrichenen Jahr erneut anzusteigen und nicht wenige haben sich wohl als guten Vorsatz für 2019 direkt einmal die Suche nach Mr. Perfekt ganz oben auf den Wunschzettel geschrieben. Dass sich das mitunter schwierig gestalten könnte, zeigt erneut die Statistik auf. Gerade einmal vierzehn Prozent der Kerle besuchen überhaupt noch eine schwule Bar oder ein Café, andere Treffpunkte von der Disco über den Club bis hin zur Sauna werden nur noch von jedem zwanzigsten schwulen Mann überhaupt besucht. Für Geselligkeit, Freundschaft oder auch Sex gehen rund neunzig Prozent der Schwulen dagegen mehrmals in der Woche online.

Dabei soll das schwule Leben im Internet keineswegs verteufelt werden, schwule Datingseiten und Apps haben es in den vergangenen Jahren ermöglicht, die Chancen für ein Date zu maximieren und das auch in ländlichen Regionen, wo Homosexuelle zuvor mit dem Gefühl allein gelassen worden sind, der einzige Schwule in der Region zu sein. Doch neben den positiven Seiten ist die Jagd im Internet nach Mr. Perfekt immer mehr zu einer schnell konsumierbaren Aktion geworden, die oftmals keine Fehler oder Makel beim Gegenüber zulässt. Von da an ist es nur ein kleiner Schritt, sich irgendwann den perfekten Kerl einfach selbst zu basteln. Geht nicht? Geht doch! 

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Der perfekte Kerl für dich!?

Das Geschäft mit der Sehnsucht nach Mr. Right boomt und bietet dabei ein ganzes Potpourri an Möglichkeiten. Die noch harmlose Variante sind spezielle Onlinespiele, in denen man seinen Avatar nach seinen Wünschen gestalten kann und mit anderen perfekten Avataren interagiert – von Flirten bis zum hemmungslosen Sex ist alles möglich.

Im Jahr 2017 war so unter anderem ein Anbieter mit einem Dream Daddy gut vertreten, man konnte sich nach Lust und Laune seinen eigenen digitalen, behaarten Kerl zusammenstellen. Das Ganze war so erfolgreich, dass nur Monate später der erste Comic veröffentlicht wurde. Andere Portale zielen direkt auf Hardcore-Sex ab, mit wenigen Klicks lassen sich bei den sogenannten Adult-Games der Wunschpartner kreieren, von der Muskulatur, über die Behaarung bis hin zum Monsterschwanz ist alles frei wählbar.

Wem das noch nicht genügt, kann sich seit einiger Zeit seinen eigenen „unsichtbaren“ Boyfriend zusammenstellen. Hier lässt sich der ideale Freund zusammenbasteln – von der Persönlichkeit, über sein Aussehen bis hin zum Alter des Traummannes. Für gut zwanzig Euro im Monat schickt einem der perfekte, digitale Traumboy dann Fotos von sich und zweihundert Whatsapp-Nachrichten pro Monat. Echte Texter verfassen angeblich die Liebeszeilen und helfen auch bei der Hintergrundgeschichte wie zum Beispiel der Frage, bei welchem Date du deinem Onlinefreund nahegekommen bist – war das nun im Urlaub, in einer Bar oder doch bei einer Klettertour in den Bergen?


Es geht um die perfekte Illusion und so wirbt das Unternehmen auch mit dem Slogan, einen digitalen Boyfriend anzubieten – ohne den Ballast. Bei der nächsten Party reicht also der Blick aufs Smartphone, um zu signalisieren, dass man endlich in einer großartigen Beziehung lebt. Bleibt nur die Frage offen, ob dieser „Ballast“ einer realen Beziehung nicht doch irgendwann fehlt? Doch auch hierfür gibt es Abhilfe – mit dem perfekten Freund als Silikonpuppe.

Wer jetzt an die billigen, aufblasbaren Schlauchpuppen denkt, die so gerne in Hollywoodkomödien bei der Darstellung von Studentenpartys zum Einsatz kommen, irrt sich gewaltig. Die neuen Modelle sind innendrin High-tech und versuchen außen mit Silikon oder einem Kunststoff namens TPE, das perfekte Hautgefühl zu imitieren. So nimmt das Material inzwischen binnen kurzer Zeit die Wärme des Gegenübers an und simuliert selbst kleinste Hautporen.

Und natürlich können die Boys aus Kautschuk mit dem süßen, unterwürfigen Blick in allen Einzelheiten an die persönlichen Wünsche angepasst werden – von der Augenfarbe über Haare, Schambehaarung oder Fingernägel. Durch das innenanliegende Metallskelett und die Metallgelenke kann der Loverboy in jede gewünschte Position gebracht werden. Der perfekt geformte Arsch kann von kleinen bis großen Kalibern alles aufnehmen und natürlich bietet der Boy selbst auch stattliche zwanzig Zentimeter Schwanzlänge. Der perfekte Oralsex sei so also garantiert.

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Man kann jetzt natürlich leichtfertig den Kopf schütteln ob solcher Angebote, das Klischee von stark vereinsamten, hässlichen, ungewaschenen, verklemmten Homosexuellen in dreckiger Unterwäsche drängt sich als Bild auf, wenn man an die Konsumenten denkt. Doch stimmt das wirklich?

Wie weit sind wir selbst davon entfernt? Wir befriedigen uns zu Pornos und Bildern aus dem Netz, nicht wenige benutzen gerne auch einmal Spielzeuge von Penispumpen bis zu Flashjacks oder bestellen sich gleich einen Callboy – der Markt nach jungen Kerlen boomt seit Jahren ununterbrochen. Wie weit ist der menschliche Callboy, der alle Gelüste erfüllen soll, von einer männlichen Puppe entfernt, mit der man alles machen kann, was man will? Und was sagt das über die Kerle aus, die sich erfundene Freunde oder Kautschuksexpartner ins Haus holen? Ist die Fiktion eines Partners, ob digital oder aus Silikon, grundsätzlich falsch? Pervers sogar? 

Der erfundene Freund – eine Perversion?!  

Der Gründer einer Firma für weibliche Sexpuppen, David Mills, meinte einst in einem Interview mit der Vanity Fair, dass er Frauen durchaus möge, aber einfach nicht gerne unter Leuten sei. Sind Männer, die sich einen erfundenen Partner kreieren, also bindungsscheue Misanthropen? So einfach lässt sich die Frage nicht mit einem Ja oder Nein beantworten, befragt man Psychologen fällt die Antwort ebenso zweideutig aus, je nach Auslegung der Faktenlage.

Schauen wir uns die Ausgangssituation an: Natürlich macht der perfekte digitale oder gummiartige Freund alles genau so, wie ich mir das wünsche. Er macht alles, um der Idealvorstellung von Sex zu genügen. Die meisten Kunden solcher Angebote entwickeln aber binnen kurzer Zeit auch eine emotionale Beziehung, sie schließen Freundschaft oder „verlieben“ sich in das Objekt. Wer jetzt leichtfertig den Kopf schüttelt, sollte sich einmal überlegen, wie sehr wir in der Kindheit unsere Kuscheltiere geliebt haben – und teilweise heute noch eine emotionale Beziehung zum ersten Plüschteddy haben.

Und wer sich ansieht, mit wie viel Liebe und Aufmerksamkeit nicht wenige schwule Jungs ihr neustes Smartphone behandeln, sollte kurz innehalten mit der Kritik. Zu unseren Grundbedürfnissen als Menschen gehören neben Essen, Trinken und Atmen eben auch der Wunsch nach menschlichem Kontakt und die Erfüllung des Sexuallebens.

So können die Sexpuppen gerade bei gewissen Menschengruppen durchaus als gesundheitsfördernde Bereicherung im Leben festgemacht werden. Besonders empfänglich dafür sind Männer, die schüchtern sind, soziale Ängste oder Hemmungen haben, mit einer Behinderung leben müssen – oder zum Beispiel auch im Alter durch den Tod oder Trennung geliebter Mitmenschen zu vereinsamen drohen. Kurzum Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, sich auszuleben, denn Intimität und Sex sind ein Leben lang wichtige Eckpfeiler.

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Natürlich muss auf der anderen Seite klar sein, dass erfundene Freunde – ob digital oder künstlich – langfristig schädlich sind, da wir verlernen, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und das eben auch mit Kerlen, die nicht perfekt sind. Sei das nun beim schnellen Sex oder auch in einer Partnerschaft.

Vielleicht hilft es uns, ab und an die ganzen virtuellen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme einmal zu vernachlässigen und sich ganz old school im real life zu treffen. Da sind die Kerle in der Regel zwar nicht perfekt, aber real. Sie lassen sich anfassen, sie reagieren individuell auf jede Berührung und vielleicht bringen sie uns noch eine neue Spielvariante im Bett bei. Und selbst ein mittelmäßiger Liebhaber küsst einen mit mehr Feuer und Leidenschaft als ein fiktiver Freund oder Gummilippen das können. 

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Schöne neue Fickwelt?

Was sicherlich heute noch für manche etwas befremdlich klingen mag, wird uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wahrscheinlich immer vertrauter werden, spätestens dann, wenn noch realistischere, menschenähnliche Roboter den perfekten Boyfriend in allen Facetten darstellen können. So weit davon entfernt von diesem Konsum sind schon heute einige Kerle nicht – oder wo genau liegt der Unterschied darin, sich online auf die Schnelle ein namenloses, gesichtsloses Fickdate nach Hause zu bestellen oder künftig einfach den perfekten Fickroboter hochzufahren?

Damit wir nicht mehr und mehr im Angebot der digitalen Beziehungsmöglichkeiten versinken, sollten wir uns zwei Dinge vergegenwärtigen: Niemand muss sich minderwertig fühlen, weil er Single ist. Es braucht keinen erfundenen Freund! Wir können unsere Lebensentwürfe frei wählen und sie auch von Tag zu Tag neu und anders definieren, wir müssen uns an keine althergebrachten Regeln oder Vorgaben halten, solange alle Beteiligten freiwillig bei der Sache sind. Und zum zweiten sollten wir unseren Drang nach Perfektion überdenken und vielleicht das einzigartig Besondere und Wertvolle in einem nicht perfekten Kerl entdecken. Perfektion ist auf Dauer wirklich langweilig, Ecken und Kanten sind und bleiben spannend.

AUTOR:
Michael Soze
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