Look at me, Bitch!

Look at me, Bitch!


Beachtung: „Das Bemerken und die Aufmerksamkeit einer Sache oder einer Person gegenüber.“ So wird das feminine Substantiv im Allgemeinen definiert. Klingt wenig spannend, oder? Dabei wäre es eine ganz wichtige Angelegenheit, mehr Beachtung in unser Leben zu lassen - aber warum tun sich gerade schwule Männer in den letzten Jahren so schwer damit?


Gut, auf der einen Seite haben wir unseren kritischen Blick, unsere Aufmerksamkeit massiv erhöht, wenn es darum geht, andere Männer negativ zu bewerten. Zu alt, zu fett, zu klein, zu was auch immer. Dutzende Studien weltweit bestätigten sehr deutlich, dass keine andere Gruppierung von Menschen so selbstverachtend und kritisch mit ihresgleichen umgeht wie das eben Homosexuelle tun. Bodyshaming ist nicht nur ein lockerer Begriff dafür, wie schwule Männer sich untereinander äußerst kritisch bewerten - es ist zu einer Epidemie geworden.

Zwei von drei Männern mit einer Essstörung sind schwul, so eine Studie der Gesundheitsorganisation NCBI. Eine Umfrage unter Homosexuellen aus Großbritannien zeigt auf, dass mehr als achtzig Prozent von ihnen sich massiv unter Druck gesetzt fühlen, gut aussehen zu müssen. Gerade einmal jeder hundertste schwule Mann ist zufrieden mit seinem Körper. Einer von Hundert!


Dass diese Zahlen in den letzten Jahren noch massiv angestiegen sind, belegen diverse wissenschaftliche Untersuchungen. Bleibt die Frage zu klären, warum wir uns das antun? Warum verhalten wir uns so mies? Und warum denken wir, wir müssten wie Barbies Ken absolut perfekt (aber seelenlos) sein?

Der Ansatz von einigen Publikationen von Psychologen ist, dass wir diese Perfektion unseres Körpers anstreben (und erwarten), um damit die Ablehnung zu kompensieren, die einige von uns beim Coming Out erfahren haben. Wir haben zu wenig Liebe mitbekommen und wollen dies deswegen mit dem perfekten Körper nachholen. Kann das wirklich die gesamte Erklärung sein?


Sicherlich, es mag ein Teilaspekt darstellen, erklärt aber nicht, warum auch Männer so despektierlich miteinander umgehen, die nicht eine tragische Outing-Geschichte vorzuweisen haben. Natürlich können wir uns auch einreden, dass es in einer schnelllebigen Zeit, in der wir mit einem Wisch oder Klick Profile bewerten können, nun einmal üblich sei, ebenso schnell Urteile zu fällen. Doch vergessen wir eins nicht: Niemand zwingt uns dazu. Wir könnten auch mit wesentlich mehr Würde und Respekt miteinander umgehen.


Das Gegenteil scheint aber wohl der Fall zu sein - wer auf den zahlreichen Datingapps nicht bald mit nackten Tatsachen auffährt, wird immer schneller uninteressant. Gefallen dem Empfänger die geschickten Bilder dann nicht, wird entweder gar nicht mehr geantwortet oder es folgen abwertende Kommentare, gerne auch mit anschließender Profilsperrung. Bloß nicht ein Gespräch beginnen - lieber schnell beleidigen und weiterziehen. Who’s next?


Man muss wirklich einmal fragen: Warum sind einige von uns solche Arschlöcher geworden? Wir können uns vieles davon mit der schnellen Oberflächlichkeit der Gesellschaft erklären, doch am Ende des Tages bleibt es trotzdem das, was es ist: die Handlung eines Arschlochs. Ende.

Wo wir auf der einen Seite also viel zu genau und kritisch auf Körpermaße, Alter und ähnliche Äußerlichkeiten achten, fehlt uns an anderer, viel wichtigerer Stelle die Beachtung scheinbar beinahe vollends. Nämlich dann, wenn wir einmal hinter die Fassade blicken sollten - hinter unsere eigene ebenso wie hinter die unserer Mitmenschen.


Warum fällt es uns so schwer, unser Gegenüber als Menschen wahrzunehmen, mit Schwächen und Stärken, Eigenheiten und Absonderlichkeiten, die diese sicherlich einzigartig und genau deswegen aber auch interessant machen? Müssen wir uns wirklich durchweg wie ausgehungerte wilde Tiere verhalten, die schnellstmöglich die nächste Dosis Sex brauchen, um nicht tot umzufallen?

Es spricht nichts gegen guten Sex, auch nichts gegen ein schnelles Abenteuer zwischendurch, aber wenn der Sex, ob online oder live, ob in Parks, Clubs oder zu Hause, zum reinen Selbstzweck verkommt, was bleibt dann von uns noch übrig?


Wir lieben Sex, wir haben gerne Sex - der darf auch einmal schnell oder anonym sein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem und der Tatsache, dass wir uns verschenken. Dass wir aufhören, auf uns zu achten. Und genau hier liegt einer der wesentlichen Knackpunkte: Wenn wir uns selbst gerade in Punkto emotionaler Zufriedenheit keine Beachtung mehr schenken, wie können wir dies dann bei anderen Männern tun?

Oder verlangen? Respekt ist keine Einbahnstraße - wir können andere nur respektvoll behandeln, wenn wir uns selbst auch mit Respekt begegnen. Die selbe Herangehensweise könnten wir auch in unseren Alltag integrieren - auch abseits unserer Sexualität. Auch flüchtige Begegnungen, ob nun mit der Bäckereifachverkäuferin oder der Person, die mir in Bus oder Bahn gegenübersitzt, können mit Respekt vonstattengehen. Und manchmal wird man dafür mit einem Lächeln oder einer zwischenmenschlichen Herzlichkeit belohnt.

Wir brauchen also dringend ein gutes Stück mehr Beachtung - auch in Bezug auf unsere ursprünglichen Wünsche. Je mehr wir in einer schwulen Filterblase wie Berlin oder Köln leben, desto seltener finden wir die Ruhe, einmal zu hinterfragen, was wir für uns selbst tun können, was uns wichtig ist. Wie wäre es mit etwas mehr Sport? Nicht, weil wir einem unerreichbaren Ideal nachjagen, sondern weil wir uns danach gut fühlen.

Oder eine durchgetanzte Nacht mit guten Freunden? Oder ein schönes heißes Bad und ein gutes Buch? Wann hast du dir das letzte Mal richtig Zeit genommen und ein Gericht gekocht, dass nur für dich war? Oder hast dir ein sehr gutes Essen gegönnt, einfach weil du es dir wert bist? Wir können auch einfach damit anfangen, den Menschen mehr Beachtung zu schenken, die wir lieben: Unseren Freunden oder Familien.


Wenn wir uns und andere mit mehr Würde beachten, können wir uns vielleicht endlich von diesen Fesseln befreien, die sich wie Stacheldraht in unser Fleisch schneiden und uns dabei gleichzeitig zu Boden drücken. Diese scheinbar harten Schlingen, die uns so fest mit unseren Ablenkungen verbinden, dass wir sie als normal und unverrückbar wahrnehmen.

Ablenkungen wie Sex oder Drogen, die uns durch die Nacht jagen, ohne uns jemals Ruhe zu gönnen. Wir können diesen Stacheldraht zerschneiden, die Wunden heilen lassen - wir brauchen nur ein wenig mehr Beachtung für die wirklich wichtigen Dinge und müssen mehr das leben, was wir auch von Heterosexuellen verlangen: Respekt.


Wir sollten aufhören, uns gegenseitig krank zu machen. Als ungeoutete Jugendliche versuchen wir jeder Beachtung aus dem Weg zu gehen, verstecken uns. Als junge Männer werden wir mit einem Übermaß falscher Beachtung überzogen, solange wir jung und heiß sind. Kaum 30 Jahre alt geworden, schwindet die Beachtung und weicht immer öfter boshaften Verletzungen, bis wir selbst anfangen, andere so zu behandeln. Nur wir können diesen Kreislauf durchbrechen. Es ist an der Zeit. Zeit für mehr Beachtung.

Exklusive Fotostrecke für Boner Magazine mit Sam Morris 

AUTOR:
Michael Soze

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