Familie - was ist das für uns?

Familie - was ist das für uns?


Wir alle haben oder hatten eine – eine Familie. Doch welche Bedeutung hat eine Familie noch heute für uns? Welchen Stellenwert, welche Wichtigkeit? Wieso wünschen sich einige von uns nichts mehr, als eine eigene Familie zu gründen, während andere schwule Männer sich das überhaupt nicht vorstellen können? Wie wichtig ist uns die eigene Familie und was dürfen wir eigentlich von ihr erwarten?

Die Macht der Familie

Das Thema Familie ist ein sehr komplexes Feld, doch ist es eines, das bis heute eine sehr große Macht auf uns ausübt. Unsere Familie ist maßgeblich daran beteiligt, wie wir auch als erwachsene Männer leben. Und gerade, weil die Familie einen so immensen Einfluss, eine solche Wichtigkeit in jungen Lebensjahren potenziert, ist der Schritt zum Coming Out immer noch mit viel Angst und Unsicherheit verbunden: Rund 55 Prozent aller schwulen Männer sind nur teilweise bei der Familie und Verwandtschaft geoutet, jeder Vierte verschweigt seine Homosexualität komplett (Studie der Deutschen Aidshilfe). Die Angst vor Ablehnung innerhalb der Familie ist also für mehr als die Hälfte aller Homosexuellen auch heute noch ein großes Thema.


Das liegt sicherlich zum einen daran, dass die Familie der wesentliche und vor allem auch finanzielle Rückhalt junger Schwuler ist. Was sollten sie auch machen, wenn die Eltern sie ablehnen? Oder gar verstoßen? Zum anderen ist die Macht, die hier eine Familie ausübt, noch besonders groß. Der Psychologe und emeritierte Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München, Klaus Schneewind, beschreibt das gegenüber dem Magazin Geo Wissen so:

„Die Familie hat sehr viel Macht. Denn in ihr wachsen wir auf, sammeln die ersten Erfahrungen, erwerben grundlegende Fähigkeiten. Und niemand kann sich dem Einfluss seiner Herkunft entziehen. Aber: Die Familie ist nicht allmächtig. (…) Langzeitstudien zufolge übernehmen Kinder häufig die Werte ihrer Eltern, was später etwa in ihren politischen oder religiösen Einstellungen zum Ausdruck kommt. Selbst wenn sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben zwischenzeitlich andere Wege einschlagen, kehren doch viele zu den Überzeugungen ihrer Eltern zurück.“

Kurz gesagt, unsere Sicht auf die wesentlichen Werteeinstellungen sind in unserer Familie begründet. Sie definiert damit auch, wie wir uns eine eigene Beziehung vorstellen, wie wir Liebe für uns definieren und wie für uns ein glückliches und erfolgreiches Leben aussehen könnte.

Familie – eine falsche Vorstellung für Schwule?

Doch auch wenn es schwierig sein kann, eines muss ebenso deutlich vorgehoben werden: Schwule Männer haben die Möglichkeit, sich von den vermeintlichen Fesseln eines konservativen oder streng gläubigen Wertebildes zu trennen und ihre eigene Definition für ihr Leben zu finden. Genau deswegen bleibt auch das Coming Out ein so fundamentaler Schritt in der Lebensentwicklung eines homosexuellen Menschen. Es dreht sich vordergründig nicht darum, der Familie mitzuteilen, dass man lieber Sex mit Männern hat, es geht schlicht um den Aspekt, das erste Mal sich selbst zu definieren, vorgelebte Lebensmodelle zu hinterfragen und ohne Verlustängste zu überprüfen, was in das eigene Leben passt und was nicht. Die gute Nachricht: Die neuesten Forschungen legen nahe, dass wir zu diesem Befreiungsakt in jedem Alter definitiv in der Lage sind.


Frei sein von den Werten einer Familie?

Dazu müssen wir uns allerdings erst einmal kurz ansehen, wie sich unsere Persönlichkeit überhaupt ausbildet. Wissenschaftlich erwiesen ist inzwischen, dass Teile unseres Gehirns in den ersten zwanzig Lebensjahren durch den Einfluss der Familie in puncto Erziehung und Sozialisation geprägt werden. Gerne diskutiert wird in Forscherkreisen noch, wie viel Einfluss das Erbgut auf unsere Sicht auf die Dinge einnimmt, immer mehr kristallisiert sich jedoch heraus, dass sowohl die Gene wie auch unsere Sozialisation unser Verhalten als Erwachsene prägen.

Der deutsche Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann arbeitet seit rund zehn Jahren als Professor in Berlin. Vereinfacht ausgedrückt beschreibt er unsere Prägung als eine Art Aushandlungsprozess zwischen uns als Individuum und den Einflüssen von Gesellschaft oder eben auch Familie. Daraus erklärt sich auch die Tatsache, dass viele schwule Männer etwas irritiert bis verachtend auf jene Homosexuelle blicken, die sich nichts mehr wünschen als eine eigene Familie zu gründen, also in gewisser Weise den vordefinierten Lebensentwurf der Eltern und der Gesellschaft (Haus bauen, Kind zeugen, Baum pflanzen) entsprechen und weiterleben.


Imitieren wir nur das Familienbild der Eltern?

Stecken schwule Männer, die sich eine eigene Familie wünschen, also einfach noch in ihrer kindlichen Prägung fest? War es ihnen nicht möglich, sich ein eigenes schwules Leben zu definieren, ohne wieder in alte Rollen zu verfallen? Wer so einfach denkt, denkt falsch, denn die Entscheidung, eine Familie zu gründen, obliegt gerade bei schwulen Paaren oftmals viel mehr Überlegungen und Planungen als bei einer durchschnittlichen heterosexuellen Partnerschaft, in der eine Schwangerschaft auch einmal einfach ungeplant passieren kann.

Trotzdem darf man die Frage stellen: Wollen schwule Männer eine Familie gründen, um damit der Vorstellung von einem erfüllten Leben nachzukommen? Einem Weltbild, das von Gesellschaft und Eltern bis heute massiv kolportiert wird. Die Antwort darauf kann nur individuell gegeben werden, jeder muss sich selbst ehrlich hinterfragen, warum er wirklich eine Familie, warum er Kinder haben möchte. Woher kommt dieser innige Wunsch?

Leidensdruck durch falsche Lebensmodelle?

Nicht wenige schwule Männer leiden vor allem jenseits des 30. Geburtstages immer wieder daran, in einem Lebensmodell zu stecken, dass scheinbar nicht vollkommen, da eben kinderlos, ist. Andere schwule Kerle dagegen sehen im schwulen Lebensstil gerade die Abkehr von vorgeblich veralteten Lebensmodellen wie Ehe und Familie, schütteln den Kopf darüber und feiern die Befreiung von solchen Regelwerken im eigenen Lebenslauf.

Beide Parteien müssen lernen, dass ein Leben gleichwertig zu betrachten ist – ein schwuler Mann kann ein erfülltes, glückliches und zufriedenes Leben haben, unabhängig davon, ob er Single bleibt, in einer Partnerschaft lebt oder eine Familie mit Kindern gründet. Wir müssen uns nur hinterfragen, ob wir unseren jeweiligen Lebensweg wirklich frei und freiwillig einschlagen, oder ob uns aufgezwungene Lebensmodelle von der einen oder anderen Seite bewusst oder unbewusst in eine Rolle hineingedrängt haben.


Schwule Väter – endlich normal?

Viel klarer definiert scheint da der Blick von außen zu sein: Amerikanische Erfahrungsberichte legen nahe, dass Heterosexuelle oftmals deswegen positiv auf homosexuelle Eltern blicken, weil sie diese so als normaler einstufen. Da sind – um im Klischee zu bleiben – keine halbnackten, feiernden Sexsüchtigen mehr, sondern zwei Väter, die dieselben Alltagsprobleme haben wie alle anderen Eltern auch. Auch Elke Jansen, Leiterin des Projektes Regenbogenfamilien beim LSVD, führt im Taz-Interview an, dass sie sich diese Entwicklung gut vorstellen kann.

Wie wichtig ist Familie?

Doch ist der Wunsch nach Familie und Kindern für schwule Männer überhaupt ein Thema? Oder doch eher eine Randerscheinung? Mitnichten, wie zwei Auswertungen der Universitäten Bamberg und Leipzig sowie eine Studie der Bildungseinrichtung ifb nahelegt: Etwa jeder dritte schwule Mann wünscht sich ein Kind.

Für eine deutliche Mehrheit der Gays ist der Kinderwunsch allerdings nach wie vor kein Thema. Besonders groß ist der Traum von Familie und Nachwuchs bei jungen Homosexuellen, mehr als jeder Zweite ersehnt es sich. In einer Diplomarbeit zu diesem Thema wird diese hohe Prozentzahl folgendermaßen erklärt: „Es ist zu erwarten, dass insbesondere die Jüngeren noch eher verklärte Vorstellungen von einem Leben mit Kindern haben. Bei ihnen dominieren vermutlich abstrakte Gedankenmodelle, die nicht zwangsläufig mit der Realität vereinbar sein müssen.“


Familie ist da, wo Kinder sind!

Was für junge Schwule also oftmals noch ein, vielleicht teilweise verklärter Wunsch ist, ist für rund 10.000 homosexuelle Paare und etwa 14.000 Kinder bereits Realität – sie leben in Regenbogenfamilien, so die Bundeszentrale für politische Bildung. Dabei belegen übrigens Dutzende von Studien bereits seit den 70er-Jahren, dass Kinder in Familien mit homosexuellen Eltern eine mindestens genauso gute Erziehung und Entwicklung genießen können wie im klassischen heterosexuellen Modell. Nicht die Familienstrukturen sind ausschlaggebend, sondern die Qualität der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern.

Das sehen auch beinahe 90 Prozent der Deutschen so, für die nach Angaben des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung auch ein homosexuelles Paar mit Kind eine Familie darstellt. Die Familie hat also nach wie vor auch für homosexuelle Menschen einen großen und prägenden Stellenwert – ob es nun die eigene oder eine selbst gegründete ist.

Wie geht Familie für schwule Kerle?

Richtig ist, schwule Männer haben kein wirkliches Rollenvorbild, was Familie für sie bedeuten soll oder kann. Auf der einen Seite leben wir in den modernen westlichen Gesellschaften offener und freier als jemals zuvor, demgegenüber sind wir dem psychischen Druck ausgesetzt, unsere Möglichkeiten der Entfaltung und unseren eigenen Lebensweg selbst wählen zu können und zu müssen. Noch nie boten sich uns als schwule Individuen solche freien Gestaltungsmöglichkeiten an. Das muss keine Last sein, sondern es kann sogar ein enormer Vorteil für uns bedeuten.

Was dürfen wir also von unseren Familien erwarten? Und was von uns selbst?

Alles und nichts. Die sozialen Gefüge in unserer Gesellschaft befinden sich im rapiden Wandel, und so können wir heute Familie als freie Entscheidung wahrnehmen, während unsere Eltern dies oftmals noch als eine ökonomische Zweckgemeinschaft ansahen, die ihr Bild von Familie prägte. Das Fehlen eines Leitbildes für gleichgeschlechtliche Familien kann zu Unsicherheiten führen, gerade wenn wir eine andere Prägung durch unsere eigenen Eltern erfahren haben.

Doch wir alle müssen uns diesen Wahlfreiheiten stellen, egal ob wir unabhängig von unserer sexuellen Orientierung den Wunsch nach einem eigenen Kind und einer eigenen Familie spüren, lieber eine individuelle Freiheit als Single oder in einer Paarbeziehung wahrnehmen wollen oder uns unsere eigene Familie aus Freunden und Lebensbegleitern zusammensuchen. Von unseren Eltern können wir erwarten und erhoffen, mit unserer Hilfe zu erkennen, dass sich das Leitbild von Familie geändert hat – im positiven Sinne kann das zu einem besseren Miteinander auf allen Seiten führen und vielleicht wird uns so noch einmal ein vollkommen neues Erleben der eigenen Familie geschenkt.

Wir Homosexuelle sind Sinnbastler, wir dürfen uns unser eigenes Leben selbst zusammensetzen, unsere Definitionen und Identitäten wechseln, ändern, verbessern oder erneuern – das mag unseren Familien anfangs noch Angst machen, weil jede Veränderung diese Angst mit sich bringt.Doch anstatt sich von ihren Prägungen vereinnahmen zu lassen, können wir unseren Familien zeigen, wie frei diese neue Welt ohne althergebrachte Ansichten und Regeln ist. Oder wie schreibt es so wunderbar der schwule Ocean Vuong in seinem neuen Besteller „Auf Erden sind wir kurz grandios:

„Die Regeln können dich wie Straßen nur an bekannte Orte bringen. Unter dem Straßennetz ist ein Feld – es war immer dort -, und sich dort zu verlieren heißt nie, dass man sich irrt, sondern, dass man einfach mehr ist.“

AUTOR:
Michael Soze
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