Saftloser Schlappschwanz?

Saftloser Schlappschwanz?


Schwule Männer sind nicht immer zimperlich, wenn der andere Mann beim One Night Stand nicht das leistet, was von ihm erwartet wird. So erlebte das auch Paul aus Hamburg, wie er uns gesteht: „Ich hatte Sex mit einem echt sexy Kerl, doch irgendwie funktionierte ich nicht so, wie ich wollte. Ich hatte einen Steifen, ich war auch geil, doch ich konnte einfach nicht kommen. Zuerst ist das irgendwie cool, weil du quasi immerzu weiterficken kannst, aber irgendwann wird es dann doch anstrengend. Zum Schluss musste ich mir anhören, was für ein saftloser Schlappschwanz ich sei – auch mit hartem Schwanz. Ich bekam einfach keinen Orgasmus!“

Was bei Paul die darauffolgenden Tage geschah, lässt sich kurz mit dem Wort Panik zusammenfassen. Warum konnte er keinen Orgasmus mehr erleben? Geschieht das nicht eigentlich nur Frauen? Hatte er etwas falsch gemacht? Und wieso konnte man geil und erregt sein, aber trotzdem nicht zum Höhepunkt kommen? Paul gab sich allein die Schuld und es dauerte beinahe drei Wochen, bevor er endlich den Mut fand, zu einem Urologen zu gehen.


Kein Orgasmus? Kein echter Mann?

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass der fehlende Orgasmus keine Seltenheit ist. 11 Prozent aller homosexuellen Männer gaben 2018 in einer Studie des Kinsey Institutes in Kooperation mit den Universitäten von Chapman und Indiana an, dass sie beim Sex keinen Orgasmus bekommen. Das völlige Ausbleiben des Orgasmus nennt sich in der Fachsprache Anorgasmie oder auch Ejaculatio deficiens und ist von einer Ejakulationsstörung oder einer erektilen Dysfunktion (Erektionsstörung) deutlich zu unterscheiden. Männer können sexuell erregt sein und eine normale Erektion haben und trotzdem nicht zum Orgasmus kommen.

Eine Situation, die nicht nur für Paul äußerst belastend war, sondern unter allen Betroffenen anfangs zumeist Angst und Zweifel hervorbringen. Gerade auch für schwule Männer gehören der Orgasmus und die Ejakulation als fester Bestandteil zum Liebesspiel dazu – bleibt beides aus, kommen oftmals schnell Frust und Bedenken auf, gerne auch auf beiden Seiten. Der Betroffene selbst zweifelt an seiner Männlichkeit, der Partner befürchtet, er könne für sein Gegenüber nicht mehr attraktiv genug oder sexuell anziehend sein. Im schlimmsten Fall kommt es dann als Abwehrreaktion zu verbalen Verletzungen wie in Pauls Geschichte. Und im Gegensatz zu einer Frau ist es für einen Mann deutlich schwieriger, einen Orgasmus vorzutäuschen.


Wie in allen Problemfällen rund um unsere Libido gilt es auch hier, erst einmal Ruhe zu bewahren. Oftmals handelt es sich bei Problemen in diesem Bereich um vorrübergehende Krankheitsbilder, die mit der richtigen, fachlichen Behandlung auch wieder behoben werden können. Bei der Anorgasmie muss erst einmal geklärt werden, ob der Orgasmus wirklich komplett ausbleibt oder nur deutlich geschwächt vorhanden ist. Im letzteren Fall spricht man auch von einer PDOD (pleasure dissociative orgasmic dysfunction), deren Ursachen meistens neurochemische Vorgänge im Gehirn sind. Man vermutet nach aktuellem Stand, dass hier Medikamente, eine Depression oder ein niedriger Hormonhaushalt (Stichwort Testosteron) eine wesentliche Rolle spielen.

Kein Orgasmus aus Scham?

Der Übergang zu einer Anorgasmie ist dabei fließend und die Ursachen sind stellenweise ähnlich. Es lassen sich hierbei psychosomatische und organische Störungen unterscheiden. Erstere können vor allem dann bei homosexuellen Männern auftreten, wenn sie bewusst oder unterbewusst ihre eigene Sexualität nicht akzeptieren. Der Sexualakt wird dann unterbewusst als falsch und moralisch verwerflich eingestuft, sodass der Orgasmus schließlich unterdrückt wird.

Andere Konflikte in diesem Zusammenhang sind Ängste, deren Ursprung Inzest oder auch die Panik vor Kontrollverlust sein können. Ebenso psychisch beeinflussend können hier Beziehungsprobleme, Stress, sexuelle Traumata oder Missbrauch sowie Unerfahrenheit oder auch Schuldgefühle sein, zum Beispiel wenn man in einer monogamen Beziehung den Partner mit einem anderen Mann betrügt. Auch eine fehlende Privatsphäre oder ein schlechtes Timing können zum Ausbleiben des Orgasmus führen – nicht jeder schwule Mann findet Public Sex zum Beispiel sexuell erregend.


Handelt es sich um organische Ursachen, ist die Problematik von einem Facharzt meist sehr schnell diagnostizierbar. Das können Nebenwirkungen von Medikamenten sein (Viagra, Antidepressiva), eine Verletzung der Nervenfasern am Penis, Durchblutungsstörungen, Diabetes, eine Multiple Sklerose, Bluthochdruck oder eine Arteriosklerose bei starken Rauchern. Auch chronische Schmerzen, Verletzungen an der Wirbelsäule oder ein erhöhter Konsum von Alkohol oder Drogen können ursächlich sein.

Kein Orgasmus dank Beschneidung?

Ein weiterer Punkt ist der altersbedingte Verlust der Eichelsensibilität – gerade bei beschnittenen Männern. Ausgelöst wird ein Orgasmus normalerweise durch die sensiblen Nervenendungen an der Eichel. Ist dieser Bereich durch eine Beschneidung im Laufe der Jahre desensibilisiert oder teilweise die Haut unempfindlich geworden, kann ein fehlender Orgasmus zum Alltag werden, so ein Berliner Urologe gegenüber dem Boner Magazine: „Die Beschneidung des männlichen Gliedes stellt sich gerade im Alter immer öfter als kontraproduktiv heraus.

Durch das dauerhafte Freilegen der Eichel bei einer Beschneidung wird der altersbedingte Sensibilitätsverlust sehr oft noch beschleunigt. In meiner Praxis ist das die häufigste Ursache, wenn Männer mit Orgasmus-Problemen zu mir kommen. Zudem ist eine Therapie hier meist nicht mehr möglich. Abgesehen von einer medizinischen Indikation halte ich eine Beschneidung daher für einen grundlosen, irreversiblen Eingriff, bei dem mehrere tausend Nervenenden dauerhaft entfernt werden. Einige meiner Kollegen sprechen von einem genitalen Trauma und ich bin geneigt, ihnen zuzustimmen!“


Gerade die Beschneidung ist auch ein bis heute sehr politisches Thema – ein Grund, warum der Berliner Urologe nicht namentlich genannt werden will. Im Dezember 2012 beschloss der Bundestag, dass religiöse Beschneidungen an Jungen in Deutschland zulässig sind, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgen. Viele dieser Eingriffe würden aber gerade eben bis heute nicht fachmännisch von Ärzten durchgeführt werden, kritisiert Christoph Kupferschmid von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin im Ärzteblatt: „Medizinisch nicht indizierte Beschneidungen verändern den Körper irreversibel und stehen bei nicht einwilligungsfähigen Jungen nicht im Einklang mit Gesundheitsschutz und Kindeswohl.“ Etwa 30 Prozent der Männer weltweit sind beschnitten, größtenteils aus religiösen Gründen.


Orgasmus neu entdeckt

Im Falle der Beschneidung und der damit aufkommenden Möglichkeit eines fehlenden Orgasmus sind Therapiemöglichkeiten schwierig, liegen andere Ursachen vor, kann allerdings oftmals geholfen werden. Ein Ansatz sind spezielle Medikamente sowie nervenstimulierende Therapieoptionen, zudem kann nach Abklärung mit dem Facharzt ein gesünderer Lebensstil (weniger Alkohol, weniger Stress, Schluss mit dem Rauchen, keine Drogen, mehr Bewegung, nicht zu viel Fett und Zucker) sehr hilfreich sein. Ein ursächlicher hoher Blutdruck lässt sich problemlos mit der Einnahme von Medikamenten regeln. Auch eine Sexualtherapie ist möglich, gerade wenn psychische Probleme der Grund für den ausbleibenden Orgasmus sind – hier kann auch das Durchbrechen der alltäglichen Routine mit dem Partner sehr hilfreich sein.

Man kann sozusagen den Orgasmus für sich noch einmal vollkommen neu entdecken. In allen Fällen ist der Gang zum Facharzt der erste wichtige Schritt. Eine Anorgasmie ist in den meisten Fällen abseits der Beschneidung eine zeitlich begrenzte Reaktion des Körpers, die sich ganzheitlich wieder mit etwas Geduld beheben lassen kann. Wichtig ist dabei sich klarzumachen, dass ein ausbleibender Orgasmus kein persönliches Versagen darstellt – für keinen der beteiligten Männer. Auch in Pauls Fall konnte ihm sein Urologe helfen und nach einigen Monaten konnte er den Orgasmus wieder mit genauso viel Freude erleben wie zuvor.  


Copyright Bilder: Cockyboys

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AUTOR:
Michael Soze

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