Komm, lass uns spielen!

Komm, lass uns spielen!


Jedes Jahr das gleiche Spiel im Herbst: Das graue Wetter hält wieder Einzug in unsere Straßen, lässt Blätter sterbend zu Boden fallen und sorgt dafür, dass die Kerle weniger nackte Haut zeigen und ihre Bodys leider wieder in dicke Jacken hüllen. Und klammheimlich schleicht sich auch eine Müdigkeit, eine Langeweile in unsere Gemüter und sie beide versuchen sich dort bis zum Frühjahr einzunisten.

Doch dieses Mal lassen wir dieses graue Monster nicht in uns überwintern und versuchen stattdessen, uns auf spielerische Art und Weise davon zu befreien.Und vielleicht können wir diese neuentdeckte Spielfreude in unserem Leben auch dann noch in uns behalten, wenn die Frühlingsknospen die Bäume wieder bunt färben. Wäre das nicht schön?


Es gibt Taget, die fühlen sich so grau, so kalt und dunkel an, dass nur noch die Aussicht auf den langen Winter es noch etwas trister wirken lässt. Oftmals fühlen wir uns damit allein, doch wir sind es nicht - mehr als die Hälfte der schwulen Männer ist an mehreren Tagen im Monat niedergeschlagen, fünf Prozent von uns tragen diese Schwermütigkeit beinahe tagtäglich mit sich herum. Wirft man einen genaueren Blick auf die Altersgruppen, stellt man fest, dass vor allem sehr junge Boys bis neunzehn Jahren am meisten von diesen Symptomen betroffen sind, so eine Studie der Deutschen Aidshilfe zum Lebensverhalten homosexueller Männer.

Hat die schwule Jugend keinen Spieltrieb mehr?

Aber woher kommt diese Niedergeschlagenheit, diese Langeweile? Kann es wirklich nur am Wetter liegen, an den ausbleibenden Sonnenstrahlen? Haben wir nicht bereits alles, was wir brauchen, um uns den Tag trotzdem schön zu machen? Schwule Männer leben heutzutage in Mitteleuropa in einer, der mit Abstand besten aller Zeiten. Wir können heute freier zu unserer Sexualität und unseren individuellen Lebensentwürfen stehen und diese ausleben als in den vielen Jahrzehnten zuvor. Und auch wenn die rechtliche Gleichberechtigung in den einzelnen Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz noch teilweise variiert, so hat sich trotzdem die Gesamtsituation und die Lebensqualität massiv verbessert.


Auch unser Sexualleben hat davon in den allermeisten Fällen sehr profitiert, wir dürfen heute freier und befreiter mit unseren persönlichen Sexwünschen umgehen, selbst wenn sie auch innerhalb der Gay-Community besonders oder speziell sind. Gerade in den großen Städten von Zürich bis Wien, von Berlin bis München können wir unseren Sex, unsere Partner und unser Leben sehr frei und nach unseren Wünschen realisieren. Allein das Internet und unzählige Dating- und Chatportale bereichern zudem unsere Möglichkeiten ungemein. Rund achtzig Prozent von uns sind mehrmals die Woche auf solchen Seiten online und sucht nach Sex oder der großen Liebe. Wie kann also da überhaupt Langeweile und Schwermut aufkommen?

Schwul, frei, sexy - und trotzdem unzufrieden?

Vielleicht sind wir ein Stück weit auch Opfer unserer eigenen Möglichkeiten geworden. Überraschend ist zum Beispiel, dass diese herbstliche Gefühlswelt komplett unabhängig von unserem Wohnort ist - egal, ob man in einer Millionenstadt wohnt oder ruhig auf dem Land, Schwermut gibt es überall. Oder anders ausgedrückt: Auch umgeben von zahlreichen Kerlen in Städten wie Berlin, Hamburg, Köln, Wien oder Zürich kann man sich trotzdem einsam fühlen - manchmal vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr.

Unser Sex ist bisweilen mit den Jahren immer anonymer geworden, wir haben ein Stück weit verlernt, spielerisch an die Sache heranzugehen. Immer öfter gleichen diese Sexabenteuer einem Triathlon-Wettkampf, alles muss immer geiler, besser, härter, länger, umwerfender sein. Wer dauernd nur wie ein Hochleistungssportler fickt, sollte sich vielleicht einmal fragen, ob er sich nicht ein zweites Hobby zulegen sollte, das ihn anderweitig körperlich auspowert.

Wir sind Männer, ja, und natürlich lieben wir Sex, doch sollten wir nicht vergessen, dass richtig guter Sex auch immer etwas mit Intimität, mit einem aufeinander einlassen zu tun hat. Ein schneller Quickie zwischendurch macht definitiv Spaß, so wie ein fetter Döner abends auf dem Weg nach Hause nach einem langen Arbeitstag, aber beides sollte man nur ab und an genießen.


© Bentley Race

Das ganze Wochenende durchficken?

In unseren schwulen Metropolen scheinen nicht wenige Kerle als einzige Freizeitbeschäftigung ficken auf dem Programm zu haben - und zwar am besten von Freitagabend bis zum Montagmorgen durch. Vielleicht ist das Grau, diese Abwesenheit von Licht etwas, das nicht von außen zu uns dringt, sondern etwas, das sich an den kalten Tagen nur den Weg von unserem Inneren in die Welt außerhalb bahnt. Und wir betäuben es mit Sex, Drogen und Alkohol.

Rund vierzig Prozent der schwulen Männer konsumiert übermäßig Alkohol, wobei die Zahlen bei den jungen Gays am höchsten sind. Nicht viel anders sieht es bei Drogen aller Art aus - von Ecstasy über Kokain bis LSD: Beinahe jeder dritte Schwule bis neunzehn Jahren greift gelegentlich oder regelmäßig zu solchen Substanzen. Die Freiheit, die wir in unseren Leben als so wichtigen Punkt definieren, fühlt sich dann irgendwann gar nicht mehr so frei an.

Wo bleibt also unsere Spielfreude?

Ein weiter Begriff, fürwahr, doch wir spielen nur noch selten miteinander - genauso wenig wie mit unseren eigenen Vorstellungen, Lebenseinstellungen und Ideen. Warum tun wir das? Warum setzen wir uns in einer für schwule Kerle beinahe grenzenlos gewordenen Welt der Möglichkeiten selbst diese grauen Grenzen? Es ist Zeit zu spielen, Jungs! Let´s play again!

Es geht hierbei um den Versuch, eine Leichtigkeit in seinem Leben wiederzufinden - das schließt das Erleben und den Umgang mit dem eigenen Sexleben ein, aber geht trotzdem weit darüber hinaus. Natürlich müssen wir alle unseren Alltag meistern, den Job, die Menschen um uns herum, der manchmal ganz alltägliche Wahnsinn. Wenn die Tage dann wieder grauer werden, und wir gleichzeitig in unsere zu lang und zu starr gestalteten Muster und Rollen zurückfallen, mag sich all das zu einem nebligen Berg auftürmen, der uns ermüdet und zu Boden drückt.


Der Ausweg ist aber mit Sicherheit nicht die nächste Gangbang-Session, sondern vielleicht die Neuentdeckung einer Leichtigkeit, die sich überall in unserem Leben nach und nach wieder manifestieren kann. Humor spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle.Auch wenn schwule Kerle gerne einmal eine Drama-Queen sein können, wie wäre es, dass Drama einmal zu Hause zu lassen?

Läuft beim Date etwas schief? Who cares? Mache dir trotzdem einen schönen Tag! Stresst dich ein Tag oder der Job? Gehe in Gedanken einige Schritte zurück, verschaffe dir Abstand, gönne dir einfache und banale Dinge, die dir Freude bereiten. Sei verrückt und mache etwas, das du schon zu lange vernachlässigt hast. Blicke doch mal wieder positiv in die Welt hinaus - auch wenn es manche Großstädter nicht glauben wollen, man kann auch einmal freundlich zu den Menschen sein, die einem zum Beispiel auf dem Weg morgens zur Arbeit begegnen.

Ein Lächeln, ein charmantes Türe-Aufhalten, banale Kleinigkeiten, doch meistens werden sie mit einem kostbaren Moment belohnt, mit einer freundlichen Geste eines Fremden, und schon ist das Grau des Tages, das Grau in uns selbst, weniger farblos. Das funktioniert definitiv auch in Berlin, deren Einwohnern man ja gerne eine gewisse Schnoddrigkeit nachsagt - und wenn es dort klappt, klappt es wirklich überall.


Natürlich dürfen wir diese Spielfreude auch sexuell ausleben. Kreativ sein. Vielleicht einfach mal weniger anonyme Fickmarathons und dafür mehr Persönlichkeit. Auch in den großen Städten kann man mit den Kerlen erst einmal eine Runde quatschen, vielleicht etwas trinken, entspannter miteinander umgehen, bevor man in der Kiste landet.

Ihr könnt beim Sex keine Medaillen gewinnen, aber wie wäre es stattdessen mit etwas mehr Freude und Leichtigkeit? Und vielleicht gelingt es uns dann, mit diesem etwas anderen Blick auf die Welt, auf unser eigenes Leben, dieses federleichte Gefühl, das sich irgendwie und seltsamerweise genau nach Glück anfühlt, in unser Selbstverständnis zu integrieren.

AUTOR:
Michael Soze

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