Die Suche nach Menschlichkeit

Die Suche nach Menschlichkeit


Was kann Kunst? Was soll sie für uns sein? Was soll sie ausdrücken? Wer dem Londoner Künstler A.J. diese Fragen stellt, erntet zunächst einmal ein Lächeln, denn der Brite weiß: Kunst liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Also sollte man sich zuallererst selbst befragen: Was empfinde ich selbst bei diesen Bildern?

Hallo A.J., zunächst einmal: Magst du uns etwas über dich erzählen?

Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt und ein gebürtiger Londoner. Ich kann mich nicht an eine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht gezeichnet habe. Als Kind war das meine Art, Spaß zu haben. In der Schule war ich dann der erste, der ein Abitur im Fach Kunst gemacht hat. Anschließend studierte ich Kunstgeschichte in Camberwell, London. Ich habe inzwischen über dreißig Jahre Erfahrung darin, sowohl im Privatsektor wie auch im kommerziellen Kunstbetrieb. Ich habe Werke für Kunden wie Literaturagenten, Musikverlage und die BBC produziert. Und eines meiner Porträts wird dauerhaft im Trinity College in Oxford ausgestellt.


Im Zentrum deiner Arbeit ist meistens ein männlicher Akt – warum hast du dich darauf konzentriert?

Das hast du richtig beobachtet, mein Hauptaugenmerk liegt inzwischen in der Darstellung des Männlichen. Im Laufe der Jahre habe ich allerdings so ziemlich alle Formen, Größen und Geschlechter gezeichnet. Es ist mir wichtig, dass der menschliche Körper in seiner ganzen Vielfalt als schön angesehen wird. Trotzdem zog mich seit Anbeginn der männliche Akt mehr an – und das ist so geblieben, gerade auch, weil es bis heute für mich eine größere Herausforderung in der Arbeit darstellt.


Du malst deine Bilder in sehr kontraststarken Farben, was deinen Werken ein besonderes Charisma verleiht. Was steckt dahinter?

Danke zunächst einmal, es freut mich, dass du meine Arbeiten für charismatisch hältst. Interessanterweise habe ich erst in den letzten Jahren angefangen, mit stärkeren Farben zu arbeiten, auch wenn ich immer Farben verwendet habe, aber wohl eher gedeckte Töne. Ich glaube, mit diesen Werken nun wollte ich die vorgefassten Vorstellungen von Männlichkeit der Zuschauer mit einem farbenfrohen Akt herausfordern.


Bei einigen der Bilder habe ich zudem den Eindruck, dass du die kontrastreichen Farben auch benutzt, um die Persönlichkeit deiner Models einzufangen. Stimmt das?

Da hast du vollkommen recht. Ich möchte meine Verbindung mit dem Model porträtieren, nicht einfach nur einen Körper abbilden – das wäre mir viel zu künstlich. Einer meiner Lieblingslehrer an der Kunstschule sagte einmal zu mir: „Zeichne niemals die Person vor dir! Zeichne die Verbindung, die du zu ihr hast! Und die Entfernung zwischen euch zwei.“ Diesen Gedanken trage ich immer bei mir.


Wie würdest du selbst einem Fremden deine Werke beschreiben? Ist es für dich erotische Kunst? 

Ich habe meine Kunst nie als erotisch angesehen, auch wenn einige Betrachter das so sehen mögen. Meine gezielte Absicht war es aber nicht. Alle Kunst bündelt sich schließlich in der Frage, wie der Betrachter sie wahrnimmt. Wie fühlst du dich dabei? Jede Reaktion hat ihre Berechtigung. Mit meinen männlichen Akten versuche ich, eine Reaktion darauf zu bekommen, wie Männlichkeit von der Gesellschaft wahrgenommen wird und wie besessen wir von dem perfekten Körper sind.


Entspringen die Körper, die du malst, denn der Wirklichkeit?  

Ja, bis zum Covid-19-Lockdown standen alle Models live vor mir, die ich gezeichnet habe. In letzter Zeit haben die Männer virtuell in Zoom-Sessions für mich posiert und Fotos eingereicht. Kurzum, keines meiner Werke entstammt nur meiner Fantasie. Ich denke, es ist wichtig für mich, dass meine Akte wahr und real sind. 

In den meisten deiner Arbeiten sind die Männer allein und scheinen sich nach etwas zu sehen oder nach etwas zu greifen.

Tun wir das nicht alle irgendwie? Sehnen uns nach etwas, das vielleicht außerhalb unserer Reichweite liegt. Etwas, in das wir uns in unseren Träumen verlieren? Und ich hoffe darauf, dass wir alle uns letztendlich nach Menschlichkeit sehnen.

Mehr von A.J. gibt es auf Instagram.


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AUTOR:
Michael Soze

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