Love me - Now!

Love me - Now!


Jedes Jahr zu Beginn eines neuen Jahres erträumen wir uns, was wir anders oder besser machen wollen - was bleibt davon nach kurzer Zeit übrig? Ich weiß noch, wie ich mir damals dachte, dass das neue Jahr 2020 ein ziemlich cooles Jahr werden könnte. Allein der Zahl wegen. Da lag ich wohl so richtig schön daneben und leider werden wir auch in diesem Jahr nicht all den Mist hinter uns gelassen haben, der uns die letzten Monate so sehr das Leben vermiest hat. Noch immer beschäftigt uns ein Virus, noch immer hat Homophobie Hochkonjunktur und noch immer scheint die Zahl der verrückten Politiker in Führungspositionen exponentiell zur neuen Jahreszahl weiter und weiter anzusteigen. Dazwischen all die Aluhutträger, Wahrheitsverweigerer, Politikverdrossenen und Enttäuschten - na, schon jetzt keine Lust mehr auf die Zukunft?

Doch, vielleicht sollten wir uns in diesen Zeiten auf andere Dinge konzentrieren – Dinge, die eigentlich viel wichtiger sind. Das menschliche Miteinander zum Beispiel – die Liebe. Ein großes Wort und für viele Jungs da draußen ist es ja bereits die größtmögliche Form von Liebe, wenn der Schwanz gut ins Loch passt. Ein Bekannter meinte neulich zu mir: „Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben!“ Stimmt das wirklich? Hat die Liebe keine Chance auf eine Renaissance, auf eine Neuentdeckung? Lässt sich hinter Masken so schlecht flirten? Warum eigentlich, ein schneller Blowjob ob daheim, nachts in einer Seitengasse oder wie in Berlin in der Hasenheide scheint ja nach wie vor kein Problem zu sein. Kann die Liebe keinen Mund-Nasen-Schutz durchdringen, aber eine Ladung Sperma schon?


Natürlich, viele schwule Männer übten sich in Corona-Zeiten immer wieder in Verzicht oder wenigstens in Mäßigung. Glücklich oder zufrieden macht das verständlicherweise nicht gerade, aber vielleicht können wir die aktuelle Situation auch als Chance begreifen – als Möglichkeit, etwas genauer hinzuschauen?

Vor Covid-19 haben wir schwulen Männer von Jahr zu Jahr immer mehr einer steigenden Wegwerf-Mentalität gefrönt. Vom Smartphone über die neusten Sneakers bis hin zum nächsten Kerl – wir waren hin und weg, solange, bis das nächste Angebot vor der Tür stand und das einstmals Neue nur noch weg musste. Ein Freund meinte neulich zu mir: „Schwule Männer in Berlin verlieben sich nicht. Sie ficken miteinander. Und wenn das eine Woche geklappt hat, schaut man erst einmal, was an dem Schwanz da sonst noch dran hängt.“

Gerade in den schwulen Hochburgen von Köln, Hamburg und Berlin bis zu München, Wien oder Zürich lebten wir oftmals in einem Überfluss an Schwänzen, Ärschen und Sperma. Der nächste Orgasmus, der nächste Mann war schneller zu haben als eine Pizzalieferung bei Lieferando. Inklusive Extra-Bestellung wie „besonders scharf“, „XXL“ oder mit viel „Sahne“.  


Und nun? Üben wir uns darin, nachts masturbierend den Mond anzujaulen, weil ja alles so anders, so schlimm aktuell ist? Oder haben wir jetzt vielleicht einfach ein bisschen mehr Zeit, uns auf einen anderen Mann wirklich einzulassen? Wo der harte Schwanz dank Covid-Bedenken nicht so schnell greifbar ist, können wir doch tatsächlich zuerst einmal schauen, wie der restliche Kerl so bestückt ist.

Was hat er so zu sagen? Was denkt er? Was macht er in seiner Freizeit? Was für Wünsche, Träume, Begierden und Lebensfreuden hat er? Welche Gemeinsamkeiten habt ihr vielleicht? Klingt fast ein wenig revolutionär, gerade, wenn man in einer schwulen Filterblase wie Berlin oder Köln lebt. Aber wohnt uns allen nicht spätestens seit dem eigenen Coming Out eben jene Lust auf eine Revolution inne? Das mag alles ein wenig einfach für dich klingen, wenn bei dir trotzdem tagtäglich Sorgen und Ängste, unerfüllte Geilheit und eine gewisse Form von Isolation aufeinandertreffen.

Sagst du dir gerade: Ach, komm, als wäre es so einfach? Dann lasse mich dich im Gegenzug fragen: Warum so negativ? Und hast du es wirklich und ernsthaft schon probiert? Na klar, du kannst auch weiterhin aus dem Fenster starren, den grauen Wolken nachblicken und deine eigene Version eines Dramas von Shakespeare nachspielen, bei dem am Ende alle tot, depressiv oder verrückt geworden sind. Aber vielleicht findest du zuvor doch noch etwas Mut und Lust in dir – die Lust, gerade jetzt Neuland zu betreten. Ich weiß, wie viel Spaß es machen kann, im eigenen Selbstmitleid zu baden, aber sexy, anziehend oder interessant ist das nicht gerade. Eine neue Liebe wird so also keineswegs den Weg zu dir finden.


Ein weiterer spannender Aspekt tritt in diesen Tagen zum Vorschein – die Trugbilder unserer Social-Media-Welten verblassen nach und nach immer mehr. Ebenso wie jene der anderen Männer. Für einen schnellen Fick, ein kurzes Date oder zur Befriedigung der Follower-Schar reichten die gestellten Selfies und Bilder unserer Cumshots, der Eroberungen, der letzten Party oder den Oben-ohne-Bildern vom Strand aus.

Für ein echtes Kennenlernen müssen wir plötzlich mehr von uns preisgeben und vielleicht entdecken wir dabei ein Stück weit uns selbst wieder – und üben uns in einer neuen Gelassenheit, deren wichtigster Kernpunkt nicht mehr die eigene Selbstoptimierung ist. Sport ist gut und gesund, doch machen uns die täglichen, gestellten Selfies im Spiegel eines Fitnessstudios wirklich glücklich? Wem wollen wir damit etwas beweisen? Wollen wir den anderen Jungs zeigen, wie toll wir sind oder doch auch uns selbst vorlügen, wie großartig doch unser selbstoptimiertes Leben ist?

Wie wäre es stattdessen, wenn wir sozusagen einmal Fitnesstraining für unseren Geist und unseren Charakter betreiben? Das funktioniert auch dann gut, wenn die Fitnessstudios einmal mehr schließen. Klingt nicht sexy? Doch, und wie! Ein perfekter Body macht uns kurzfristig horny, ein interessanter Charakter sorgt für langlebige Lust.


Und so können wir gerade jetzt in diesen Zeiten die Liebe für uns neu entdecken – es gibt diese große Chance, sie jetzt in ruhigeren Zeiten ganz von neuem und in Ruhe neu zu finden, wenn der Alltagslärm etwas gedämpfter daherkommt, die Beats unseres Lebens in einem langsameren Takt schlagen und wir zudem auch diese skurrilen Feiertage mit Braten, Weihnachtsbaum und Atemschutzmaske überlebt haben.

Lasst uns flirten, verliebt Textnachrichten austauschen, stundenlang telefonieren, uns anzügliche Bilder schicken und von dem anderen Mann träumen – da macht auch die Morgenlatte gleich doppelt so viel Spaß, oder? Und so ganz nebenbei finden wir dann vielleicht auch einen Mann, der es wert ist, geliebt zu werden. Einen Mann, den wir kennengelernt haben, gerade weil die Zeiten so sind wie sie eben sind. Ein Mann, der dann an unserer Seite steht und uns jede Jahreszeit verzaubern wird können – egal, wie viele Grippewellen, verrückte Politiker und homophobe Idioten da noch kommen mögen. Also, liebt einander! Jetzt!

Copyright Bilder: Cockyboys

Autor: Michael Soze

AUTOR:
Michael Soze

WERBUNG

Reload 🗙