Sei stolz! Sei Single!

Sei stolz! Sei Single!


Und? Hast du auch schon bei der Überschrift schlucken müssen? Oder gar gleich ungläubig den Kopf geschüttelt? Single sein und glücklich? Das geht doch gar nicht, oder? Auf jeden Fall nicht auf Dauer. Richtig? Seit Sommer 2017 haben wir jetzt die Ehe für alle in Deutschland und nun soll ein Singleleben doch erstrebenswert sein? Sagen wir es also frei weg: Der Autor dieser Zeilen spinnt. 

Verrückter Single?

Oder vielleicht doch nicht so ganz!? Woher kommt nur dieses Zerrbild, das sich ganz tief in unsere Vorstellungen von einem glücklichen Leben hineingefressen hat? Selbst bei vielen Kerlen, die Nacht für Nacht vor einem anderen Schwanz niederknien, keimt heimlich der Wunsch nach Zweisamkeit auf. Wieso sind schwule Singles also irgendwie in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer Menschen, die wahlweise sexsüchtig oder einfach seltsam sind?


Geschichtlich gesehen ist eine Beziehung zwischen nur zwei Menschen eine Erfindung jüngsten Datums. Promiskuität und Verbindungen größerer Gruppen prägten über die Jahrtausende unser Zusammenleben, Sex stärkte die gesamte Gruppe. Erst seit dem 15. Jahrhundert entwickelte sich die heutige Form von Beziehung per Definition als Zusammenschluss zweier Menschen. Beziehungen und Ehen waren nicht romantisch bedingt, sondern sie waren Verträge und dienten dazu, Frieden zwischen Sippschaften herzustellen, Besitztümer innerhalb der Gruppe zu vererben und Abstammungslinien abzusichern.

Durch christliche Missionierung wurde schließlich die Monogamie in einer Beziehung zur vorherrschenden Verbindung. Den Würdenträgern war die freizügige Lebensweise der Menschen ein Dorn im Auge. Frauen mussten sich zudem auf längere Zeit an ihre Männer binden, allein schon aus finanzieller Absicherung. Zudem: Menschliche Kleinkinder machen mehr Arbeit als alle anderen Tierarten auf diesem Planeten, es braucht viele Jahre, bis sie eigenständig leben können.

Fällt die soziale Gruppe weg, ist es also für das Überleben des Nachwuchses zwingend notwendig, einen festen Partner zu haben. Nun kann man sich natürlich als schwuler Mann fragen, inwiefern diese Sorge einen überhaupt betrifft. Gegenfrage: Warum ersehnen wir uns dann so sehr die Zweier-Beziehung mit dem einen, perfekten Kerl, wenn wir doch frei sind? Ungebunden und wenigstens mehrheitlich keine Verpflichtungen bezüglich Nachkommen haben? Richtig, wir belügen uns selbst! Mögen wir noch so selbstbewusste schwule Männer sein, unsere Wertevorstellungen von Glück beruhen auf einem Überlebensprinzip des Mittelalters.


Frust bei Singles?

Versteh mich nicht falsch, es gibt viele schwule Paare, die gemeinsam glücklich sind. Es gilt nur zu verstehen, dass dies nur eines von verschiedenen Lebensmodellen ist, welche gleichwertig nebeneinander existieren dürfen. Dem Singlesein wohnt kein Makel inne, es ist nur eine andere Form der Lebensgestaltung. Ziemlich genau die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer in Deutschland leben nicht in einer Beziehung, fast Dreiviertel der unter zwanzigjährigen Jungs sind Singles.

Die Hälfte aller schwulen Singles ist dabei unzufrieden mit ihrem Sexualleben, dabei träumt jeder Zweite von einer festen Beziehung. Man kann also festhalten, es herrscht Frust bei vielen schwulen Singles. Was bleibt, ist also der Traum von Zweisamkeit. Händchen halten, kuscheln, gemeinsam durch schwere Zeiten gehen, lachen und weinen und der Kampf gegen die Einsamkeit. Verständlich, bedenkt man, dass fast die Hälfte der schwulen Männer schon heute alleine lebt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und so sind all die Wünsche erklärbar, doch muss man begreifen, dass sie nicht exklusiv in einer Beziehung zu haben sind. Gute Freunde können uns all die Zuneigung geben, nach der wir uns sehnen. Und sie stellen zudem eine größere Chance dar, auch im Alter nicht einsam zu sein, als seine Hoffnungen nur auf einen einzigen Partner zu stützen.


Der Traum von ewiger Treue 

Ein guter Freund von mir, seit Jahren unfreiwilliger Single, würde erneut widersprechen, denn neben all den Punkten erhofft er sich vor allem einen festen Sexualpartner. Die ständige Suche nach belanglosem Frischfleisch, das andauernde Selbstverkaufen online oder in Bars ermüdet ihn. Er sucht die Ruhe in einem monogamen Bett. So sehr das Bild auf den ersten Blick auch gefallen mag, die Fakten sprechen dagegen.

Kein Mensch sei im Kopf treu und so sei sexuelles Interesse nur an einem Partner auf Dauer eine unerfüllbare Norm, so der Sexualmediziner am Institut für Sexualwissenschaft der Charité in Berlin, Alfred Pauls, gegenüber der Tageszeitung Die Welt. Monogame Beziehungen seien der sichere Weg zu Frustration und Enttäuschung und nichts weiter als eine kulturelle Erfindung. Die Statistiken bekräftigen den Wissenschaftler, noch heute leben nur zwanzig Prozent aller Gesellschaften monogam, über fünfzig Prozent der schwulen Männer in einer Beziehung sind laut Umfrage des Portals gay.de bereits fremd gegangen.

Auch biologisch ist die Monogamie eine Randerscheinung, weniger als zehn Prozent aller Tierarten binden sich fest an einen Partner. Und auch die Hälfte aller schwulen Beziehungen wird offen gelebt, also ohne die Bindung an nur einen sexuellen Gegenpart. Nach vier Jahren Partnerschaft sind bereits 71 Prozent der schwulen Beziehungen offen, so die Befragung zur Lebenssituation von schwulen Männern der deutschen Aidshilfe unter Schirmherrschaft von Michael Bochow.

Über 56.000 Männer nahmen an der Online-Umfrage teil. Und eines zeigt sich hier auch: Je mehr Sexualpartner ein schwuler Mann hat, desto zufriedener ist er. Die übergroße Mehrheit der homosexuellen Kerle (rund 77 Prozent) hat mit bis zu zehn Männern pro Jahr Sex. Sexuelle Treue wie bei Romeo und Julia ist also meistens nichts weiter als eine Täuschung. Viele schwule Männer wollen das nicht wahr haben und flüchten sich lieber von einer kurzen Beziehung in die nächste, die sogenannte serielle Monogamie.


Das Ende der Lügen 

Noch einmal zur Klarstellung: Es geht nicht darum, eine schwule Beziehung schlecht zu reden. Eine Beziehung kann etwas Wunderbares sein und auch das zeigen die Zahlen: Dreiviertel der Männer in einer Partnerschaft sind mit ihrem Sexleben zufrieden. Aber es ist wichtig, sich den eigenen, verzerrten Lügen und Trugbildern von der perfekten Beziehung zu stellen, sie kritisch zu hinterfragen und zu schauen, welche Lebensform einem besser entspricht.

Genauso wenig wie es den perfekten Mann gibt, gibt es die perfekte Beziehung. Partnerschaft heißt immer auch, Kompromisse einzugehen. Das kann Spaß machen, fordert aber auch die eigene Flexibilität und schränkt die persönliche Freiheit ein. Bist du so ein Typ oder eher doch nicht? Mach dich also endlich frei von der Angst, Single zu sein! Egal, ob du es kurz- oder langfristig bist. Höre auf, jedes Paar in deiner Umgebung anzuhimmeln, als wären sie das Nonplusultra des Erreichbaren. Freue dich mit ihnen, aber sei dir auch im Klaren darüber, dass du nicht weißt, wie es wirklich um die Verbindung bestellt ist. Hat sie in Zukunft realen Bestand, nachdem die erste Verliebtheit weg ist? Oder wird sie nur noch von Gewohnheit und Lebenslügen zusammengehalten?



Ich kenne nicht wenige Männer, die sich in einer Beziehung einsamer fühlen als jeder Single. Klar ist, wenn plötzlich die meisten, gerade auch heterosexuellen Freunde um einen herum, heiraten und Kinder bekommen, kann man sich als schwuler Single schon einmal übrig fühlen, zurückgelassen, abgehängt im Spiel des Lebens. Begreife, dass es genau anders herum ist.

Du hast eine viel größere Freiheit, dein Leben nach deinen Wünschen und Träumen zu gestalten, denn schwule Männer sind nicht gefangen in gesellschaftlichen Normen und Schablonen. Du kannst auch dein Sexleben kreativer ausleben, denn meistens kann ein Partner nicht all deine Begierden erfüllen. Oder willst du echt frei von Sex wie das schwule Paar aus Modern Family leben? Der Sinn deines Lebens kann es nicht sein, einfach nur ein Partner zu sein. Du bist eindeutig mehr, findest du nicht?

Falls du nach einer Beziehung wieder Single bist, denke trotzdem positiv an die gemeinsame Zeit zurück. Verdrängung bringt nichts! Mag das Ende auch böse gewesen sein, gab es doch tolle Momente, nicht wahr? Das war ein Geschenk und man sollte es nicht schlecht reden. Zufriedenheit kannst du als Single genauso erlangen wie in einer Beziehung, aber dazu musst du ehrlich zu dir selbst sein und zu deinen Erfahrungen stehen. Eine Beziehung darf zu Ende gehen, ohne dass sie gescheitert ist, denn es ist kein Wettstreit. Ob fünf Monate oder fünfzig Jahre – eine Beziehung bemisst sich auch nicht an der Zeit, sondern an der Qualität.

Und es ist ehrlicher, sich einzugestehen, dass sich jeder Mensch weiterentwickelt und sich so auch gemeinsame Wege trennen können. Und dann bist du wieder Single und das darf toll sein – in jedem Alter! Je mehr du verzweifelt suchst, desto weniger attraktiv bist du für deine Umgebung und was sagt das bitte über dich aus? Bist du echt nur in einer Beziehung ein vollwertiger Mensch? Nein, oder?! Also, Druck raus, genieße deine Freiheit, sei auch allein glücklich! Begreife, dass die wichtigste Beziehung in deinem Leben die ist, die du mit dir selbst führst. Also, fang endlich an, dich selbst zu lieben! Und plötzlich ist es soweit: Du bist Single – und stolz und glücklich!

Copyright Bilder: Cockyboys

AUTOR:
Michael Soze

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