Why so serious?

Why so serious?


Wir haben September! Wonnemonat, goldener Herbst und das ganze andere Zeugs! Freude schöner Götterfunken. Aber warum fühlen wir uns manchmal irgendwie nur nicht danach? Ist denn schon jetzt wieder Zeit für die Winterdepression? Noch etwas früh, oder? Corona hin, Corona her. Hallo, Körper, kannst du bitte das Sommerfeeling noch etwas in dir bewahren? Wir hätten nichts dagegen.

Nun, ganz so einfach geht das natürlich nicht - und das hat leider ein gutes Stück weit mit unserer eigenen Einstellung zu tun. Und vor allem mit unserer Ernsthaftigkeit. Jene von uns, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz aufgewachsen sind, wissen, wovon ich rede. Dieses überaus Korrekte, das man uns schon als Kleinkinder eingepflanzt hat. Da können wir noch so aufgeschlossen tun, tief im Herzen bleiben wir meistens doch eher ein biederer Banker als ein lustiger Clown. Wir müssen ja nicht gleich direkt wahnsinnig wie der Joker laut schreien: „Why so serious!?“ Aber im Kern hat der Erzbösewicht von Batman schon ein wenig recht - warum nur erlauben wir uns nicht ein wenig mehr Verrücktheit in unserem Leben?

Einige Berliner, die bis hierhin gelesen haben, werden jetzt verwundert fragen: Wovon spricht der Mann da? Und was ist noch einmal Ernsthaftigkeit? Denn in der Tat kann man das Leben in Berlin kaum mit dem Dasein in einer anderen europäischen Stadt vergleichen. Das hat nicht immer nur Vorteile und Berlin ist entgegen hartnäckiger Behauptungen nicht der Nabel der schwulen Welt, aber sagen wir so: Der Treasure Trail führt direkt da hin und weit laufen müssen wir nicht. Berliner legen eine Lässigkeit an den Tag, die ihnen gerne auch mal als Gleichgültigkeit ausgelegt wird - und manchmal stimmt das auch.

Diese Gleichgültigkeit kann sich auf alle ausweiten, auch auf einen selbst. Das fängt beim äußeren Erscheinungsbild an (nur in Berlin ist eine Jogginghose nach wie vor ein durchaus passendes Bekleidungsstück für einen guten Restaurantbesuch) und geht schließlich über die eigene Wichtigkeit bis hin zum Job und dem Privatleben. Das endet nicht immer gut und oftmals darf man solchen Menschen dann in der U-Bahn begegnen und etwas irritiert zur Seite blicken - aber der Grundgedanke ist ein wahrlich guter. Hier könnte man von den Berlinern also noch etwas lernen - ein Stück mehr Lässigkeit, mehr Leben und leben lassen, mehr gemeinsam lachen als übereinander.


Damit sind wir beim Humor angekommen. Ein verdammt wichtiger Punkt. Bei allem. Egal ob beim Sex, in einer Beziehung oder im alltäglichen Leben. Auf dem Weg ins Büro stoppte die U-Bahn neulich mitten auf der Strecke wegen eines „Personenschadens“. Als Großstadtmensch weiß man, es hat sich wieder einer vor die Gleise geworfen. Man könnte nun von Traurigkeit befangen sein, oder wie ein Berliner mir gegenüber beim erneuten Anfahren der Bahn einfach sagen: „Jut, dann fahrn ma jetzt einfach drüber!“

Wer hier lachen kann, hat einiges begriffen. Denn Humor hilft uns mit all dem alltäglichen Wahnsinn fertig zu werden. Druck abzubauen. In unserem Land herrscht noch immer eine Verbissenheit, die sich gerne auch direkt beim Lebenslauf abzeichnet. Eine Lücke in der Vita, wie furchtbar. Was wird der nächste Arbeitgeber nur sagen? In anderen Ländern wird das viel lässiger gehandhabt. In Kanada zum Beispiel sind solche Lücken normal und sogar gewünscht: Arbeitnehmer legen regelmäßig über einige Monate Arbeitspausen ein, einfach um Zeit für sich zu haben oder zum Beispiel an der Holzhütte im Wald weiterzubauen.

Dieser Drang, alles immer perfekt zu machen und sich dabei jedes Mal von neuem selbst zu übertrumpfen, macht uns krank. Physisch und psychisch. Sängerin Alice Merton ist ein passendes Beispiel. Sie wurde nach ihrem Welthit „Roots“ so sehr von der Weltpresse zum nächsten Big Hit gedrängt, dass sie ihren neuen Song als kämpferische Antwort kurzerhand „Why so serious“ nannte.


Dieses Ventil brauchen wir, auch wenn wir nicht von der Weltpresse ausgefragt werden. Aber kennen wir es nicht auch, all die lieb gemeinten Stimmen aus dem Kreise der Freunde und der Familie: Hast du einen Freund? Was macht die Arbeit? Ernährst du dich gesund? Noch schlimmer ist dabei der Druck, den wir uns selbst machen - gerade auch innerhalb der schwulen Community. Wir kennen den Drang nach Perfektion und Jugend, der stets trainierte Body, der immer stahlharte Schwanz, der perfekte Boy-Arsch mit den schönsten Rundungen der Welt.

Warum wir uns selbst immerzu so quälen, kann nur mit einer Mischung aus Dämlichkeit und einem starken Hang zu SM erklärt werden. Wie wäre es, wenn du mal den Schalter auf Null setzt und einfach noch einmal ganz von vorne startest? Keine Erwartungen hast, an dich nicht und an dein Umfeld? Und auch nicht zulässt, dass andere Menschen dir ihre, meist verquere Weltsicht einer einzig richtigen Lebensweise überstülpen.


Per Definition gilt Ernsthaftigkeit als eine zielgerichtete, gefahrenbewusste, gedankliche Einstellung, die auf das Überleben ausgerichtet ist. Klingt das nicht langweilig? Furchtbar langweilig? Soll so dein ganzes Leben aussehen? Wir wollen nicht, dass du alles wegwirfst und ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springst, aber meinst du nicht auch, ein wenig mehr Liebe zur Freiheit, ein wenig mehr Einlassen auf das Hier und Jetzt könnte dein Leben nicht verbessern?

Wir müssen nicht seriöse Persönlichkeiten werden, es reicht, wenn wir zufrieden und ab und an sogar richtig glücklich sein können. Überlassen wir die falsche Show um Anerkennung doch den Zombies da draußen und lachen dem Wahnsinn mit Heiterkeit entgegen. Klingt das wirklich so falsch?


Ja, dazu gehört natürlich auch Sex und das Abenteuer. Auch hier lässt sich doch ein wunderbarer Mittelweg finden - irgendwas zwischen Asexualität und Massenkoitus mit heiterem Syphilis-Hütchenspiel. Nimm dich nicht mehr so ernst, sondern genieße deine Fehler. Eine solche Lebenseinstellung lässt einen nicht nur glücklich werden, nein, du strahlst auch eine völlig neue Form deiner Selbst aus. Verbissenheit und Engstirnigkeit auf der Suche zur eignen Perfektion ist unfassbar langweilig und so gar nicht sexy. Wer dagegen auch über sich selbst lachen kann und nicht jedes kleine Drama sofort mit Panik und einem Zuckerguss aus Armageddon-Streusel überschüttet, lebt ein deutlich freieres Leben - und wird auch für andere Männer viel interessanter.

Dazu gehört natürlich auch, sein eignes Menschenbild ein wenig zu überdenken. Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Klischeebilder im Kopf zu verwerfen, haben wir plötzlich viel mehr Platz für deutlich spannendere Dinge. Freude zum Beispiel. Und wenn einen doch etwas so richtig ärgert oder in den Wahnsinn treibt? Ein paar Mal tief durchatmen und dann frage dich selbst: Wie wichtig ist das wirklich? Wird es dich morgen auch noch ärgern? Oder in einem Monat? Sollte die Antwort „Ja“ lauten, kannst du dich doch auch noch in einer Woche darüber ärgern und musst es nicht jetzt tun. Sagst du aber „Nein“, warum ärgerst du dich dann überhaupt darüber?

Klar, jeder von uns ist ab und an einmal von lächerlichen Kleinigkeiten genervt und wir versehen diesen Alltagsblödsinn mit derselben Dringlichkeit wie vielleicht wirklich wichtige Dinge, aber wir können damit besser umgehen, wenn wir unsere eigene Einstellung dazu ändern. Jeder, der schon einmal eine Extremsituation in seinem Leben durchgemacht hat - den Tod eines wirklich wichtigen Menschen, die eigene Nahtod-Erfahrung oder eine richtig heftige Depression zum Beispiel - sieht auf belanglose Kleinigkeiten oftmals deutlich entspannter.

Wenn wir anfangen, uns selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen und uns klar machen, am Ende sterben wir alle sowieso, können wir einmal tief durchatmen und dann endlich anfangen, unser Leben ein gutes Stück mehr zu genießen. Es stimmt, was man sagt: Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen. Also: Why so serious? Eines musst du dir klarmachen: Glücklich sein ist eine Entscheidung.    

© Bilder: BelAmi + Carnal Media

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AUTOR:
Michael Soze

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