Kampfeslustig in ein neues Leben!

Kampfeslustig in ein neues Leben!


Nach den Pride-Paraden in diesem Jahr in Berlin, München oder Stuttgart lässt sich sagen: Unser Pride und unsere Lust auf Feiern, Lebensfreude und Stolz ist wieder da! Im zweiten Sommer mit Corona erleben wir unser „Wir“-Gefühl neu und sind schlicht begeistert davon! Also alles einfach wie immer, wie zuvor?

Der Sommer dieses Jahres brachte uns schrittweise einen gefühlten Normalzustand zurück, aber natürlich wissen wir, dass es ein neues Normal ist, eine neue Zeitrechnung. Die Uhren laufen anders, für uns alle, für eine ganze Gesellschaft, für die ganze Welt. Warum also sollte der Alltag in dieser neuen Welt nicht ein wenig bunter, ein wenig farbenfroher, ein wenig vernünftiger und lebensfroher starten? Pride eben! Das ganze Jahr! Steht irgendwo geschrieben, dass wir in den alten verstaubten Trott aus Borniertheit und Ignoranz zurückmüssen?


Mehr Spaß und mehr Herz für die Zukunft?

Fangen wir doch einmal bei uns selbst an. Ist es nicht Zeit für eine neue Aufmerksamkeit füreinander? Wollen wir dem Konsumwahnsinn der durchgetakteten Welt vielleicht eine Pause gönnen? Wir haben wahrlich viel verloren in den letzten Monaten. Soziale Kontakte, Bekanntschaften, Szeneorte der Geselligkeit und manchmal sogar den ein oder anderen geliebten Menschen. Natürlich können wir jetzt also einfach weitermachen wie zuvor, belanglose Fick-Dates und belanglose Stunden kombinieren, Sex als Währung anbieten und sofort wieder aufsteigen auf dieses Karussell, dessen einziges Ziel es schon immer war, sich immer schneller und schneller zu drehen, bis unsere Sicht verschwimmt und wir trotzdem nicht vom Fleck kommen.

Wir wähnen uns in Gesellschaft, doch die Ketten, die uns Sicherheit geben, halten uns auch starr auf Position, alleine und ohne einen anderen Mann wirklich zu berühren. Es ist an der Zeit, dass wir ein paar Runden im Karussell aussetzen. Nicht zwangsweise, wie uns das Virus dazu gezwungen hat, sondern aus freier und eigener Entscheidung. Weil wir etwas mehr wollen in unserem Leben als flackernde Lichtspektakel und müde Augen, Nacht für Nacht. Weil wir die Menschen, denen wir begegnen, die wir vielleicht küssen, ficken, mit Sperma anspritzen oder gar lieben, intensiver und ehrlich erleben und kennenlernen wollen.


Anpacken – von der Kirche bis zur Klimakrise 

Wo wir gerade dabei sind: Warum sollten wir unsere Liebe nicht endlich heiraten dürfen? Und zwar mit dem Segen der Kirche! Die Priester und Bischöfe segnen gerne Autos, Brücken oder goldene Statuen, aber zwei homosexuelle Menschen, die sich lieben, nicht. Vielleicht haben wir viel zu lange einfach hingenommen, dass die römisch-katholische Kirche Homosexuelle herabsetzt, erniedrigt und ihnen noch immer die Menschenwürde abspricht, denn nichts anderes tun sie unter dem Deckmantel der Fürsorge.

Sie verbannen, was sie in großen Teilen wohl selbst sind: Homosexuelle. In den meisten Priesterseminaren wird hinter verschlossenen Türen sexuelle Freizügigkeit meist stärker ausgelebt als in den durchschnittlichen Glory Holes in Berlin. Das alles wissen wir und trotzdem tut sich die Kirche bis heute so schwer damit, sich selbst zu befreien und nicht Verbote und Lügen, sondern schlicht Liebe ins Zentrum ihrer Anliegen zu stellen.


Es ist an der Zeit, dass wir unseren mentalen Speer und unser Schild zur Hand nehmen, uns in diesen Pride-Wochen bewaffnen und in die Welt hinaustreten und uns endlich klar und unverständlich für Menschen einsetzen, die nicht so viel Glück wie wir haben. Ein flüchtiger Blick in unsere Nachbarstaaten nach Polen und Ungarn oder auch immer noch nach Tschetschenien reicht, und wir sehen, wie furchtbar die tagtäglichen Lebensumstände für Schwule, Lesben und trans-Menschen dort sind.

Wir können so viel tun, laut werden, unsere Politiker nicht mehr mit Floskeln davonkommen lassen, nerven und immer wieder nachfragen und aufrütteln. Gleiches gilt auch in Deutschland – nach wie vor wurde der Artikel 3 des Grundgesetzes nicht um den Passus „sexuelle Identität“ (Hashtag: #zeigdie3) ergänzt.

Außerdem sollten wir uns endlich mal ganz ehrlich eine simple Frage beantworten: Wollen wir überleben? Sind wir wirklich nur eine Gruppe von Egoisten, die gierig immer nur nach dem eigenen Vorteil schnappen, nur den Moment im Blick haben, von Party zu Party springen und allen künftigen Generationen grinsend eine brennende Welt in den Schoß legen? Die Pandemie hat auch gezeigt, wozu die Welt im besten Sinne in der Lage ist, wenn sie wollte.

Offensichtlich wollte sie mehrheitlich und ernsthaft bis heute nichts gegen Klimakrise und Raubtierkapitalismus tun – und wenn wir ehrlich sind, müssten wir uns eingestehen, dass wir oftmals fleißig mitgemacht haben, während wir mehrfach im Jahr von einem Urlaub zum nächsten mit dem Billigflieger geflogen sind. Nichts gegen die große Party – aber können wir das nicht auch irgendwie anders, irgendwie besser?


Wir brauchen unseren Pride – jetzt!

Unsere heutige Gegenwart ist die Zeit des Aufbruchs, ein Aufbruch in eine neue Zeit der Möglichkeiten. Und es fühlt sich so an, als sei es zeitgleich unsere letzte und zugleich größte Chance, tatsächlich in eine neue Zeit aufzubrechen. In eine bessere Zeit. Wir haben gelernt, dass wir die Verantwortung nicht in die Hände von Menschen legen dürfen, die nur in Wahlperioden oder bis zum eigenen Renteneintrittsalter denken wollen. Wie schnell weltweit Änderungen möglich sind, hat Covid bewiesen.

Jetzt brauchen wir einen neuen Virus, einen Virus der Veränderung. Es bedürfte nicht mehr als Lust, den Mut der gegenseitigen Anfeuerung und den Willen zur Veränderung. Zuvor allerdings müssen wir noch einen anderen, sehr wichtigen Punkt in diesen Pride-Tagen anpacken: Wir sollten endlich dauerhaft die Kämpfe innerhalb der Community beenden. Die Pride-Sommer der letzten Jahre haben klar offengelegt, dass hinter den Regenbogenfahnen und den Paraden oftmals Missgunst und Raffgier Einzug gehalten haben. Es geht so oft, viel zu oft, nur noch um Geld und um ein kleines bisschen Macht.

Das trifft natürlich nicht auf alle CSDs zu, aber leider auch nicht gerade auf wenige. Und die Zwietracht tragen wir seitdem immer wieder in die gesamte Community hinaus, befeuern unsere Ressentiments gegenseitig. Schwule gegen Lesben. Homosexuelle gegen Transsexuelle. Intersexuelle gegen Queer. Alt gegen Jung. Dick gegen Dünn. Deutsch gegen International. Weiß gegen Schwarz. Klein gegen Groß.


In meiner Jugend sagte man zu uns schwulen Jungs damals noch, wir seien „vom anderen Ufer“. Es ist zum einen erschreckend, dass sich diese Ausdrucksweise bis heute in Teilen der Gesellschaft erhalten hat, noch dramatischer scheint mir aber, dass wir „anderen“ längst nicht mehr an einem (!) Ufer stehen. Vielmehr erscheint mir das Bild einer tief zerklüfteten Küstenlandschaft, scharfkantige Felsen ragen in die tobende See aus Ablehnung, Hass und Gleichgültigkeit hinaus und wir stehen einsam an unserer kleinen Meeresbucht und sehen einander nicht mehr. Wollen uns nicht mehr sehen.

Das Schlimmste dabei ist, dass es sich dabei nicht um eine natürliche Entwicklung handelt, nein, wir selbst haben Felsbrocken auf Felsbrocken zwischen uns getürmt und feilen tagtäglich an den harten Steinen, damit sie noch schärfer werden, noch leichter schneiden und verletzen. Am Ende bleibt nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur mehr Sprachlosigkeit auf allen Seiten. Verhärtete Fronten, erstarrte Gestalten, die sich feindselig gegenüberstehen und sich bewusst missverstehen wollen. Sprachverbote, Denkverbote, Ausschluss und Exklusion.

Vielleicht müssen wir neue Brücken bauen, einen neuen Landweg zueinander entdecken, fernab der Küste – doch wir sollten uns schnellstens auf den Weg machen, bevor auch hier jede Annährung durch Geröll versperrt ist. Wir brauchen diesen Aufbruch dringender denn je und wenn nicht jetzt, wann dann hätten wir ernsthaft eine Chance dazu? Entdecken wir den Pride für unsere ganze Community von neuem! Ergreifen wir diese Möglichkeit nicht, blicken wir künftig allein in den Sonnenuntergang am Strand – bis die Flut kommt.

© alle Bilder: BelAmi

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AUTOR:
Michael Soze

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