Graue Tage? Wie wäre ein Tag nur für dich?

Graue Tage? Wie wäre ein Tag nur für dich?


Wir kennen alle diese Tage, an denen die Kälte und das Grau des Himmels uns fest im Griff haben. Sollten wir nicht einfach einmal wieder so richtig zur Ruhe kommen? Nur für uns. Ganz alleine vielleicht. Ein Tag, nur für dich. Wie könnte so ein wunderbarer Tag aussehen?

Nun, wir könnten damit anfangen, das Smartphone zur Seite zu legen und ganz auszuschalten. Kein blinkendes Licht mehr, keine neuen Whatsapp-Nachrichten, kein witziges Bild auf Instagram, das wir mit einem unwichtigen Herzchen versehen müssen.Kein sexgeiler Kerl, der dir unter Aufbringung seiner gesamten orthografischen Fähigkeiten ein „Lust? Ficken jetzt?“ schreibt und dir ungefragt zehn Bilder seines Schwanzes mitschickt. Am Ende des Tages, so geil wir es auch finden mögen, bleibt ein Penis eben auch nur ein Penis.Verschwenden wir nicht unsere Zeit wie Zombies mit gebrochenen Nacken vor dem kleinen schwarzen Bildschirm unserer Geräte, befreien wir uns davon. Für einen Tag.


Bekommst du es mit der Angst zu tun? Dann, mein Freund, ist es noch wichtiger und noch dringender, dass du dir einen solchen Tag der Ruhe gönnst. Der Laptop bleibt ebenso ausgeschaltet und auch den altbekannten „Dadamm“-Laut bei Erscheinen des Netflix-Logos wollen wir heute nicht hören. So könntest du jetzt den Tag damit beginnen, erst einmal wieder ins Bett zu kriechen. Die Augen zu schließen. Einfach zu atmen.


Nach was riecht es in deiner Wohnung? Kannst du den Lärm der Stadt hören? Oder vielleicht ein paar Raben, die mit lautem Krächzen den Tag beginnen? Oder ist da nur Ruhe und Stille? Kannst du dich noch daran erinnern, was für ein schönes Gefühl es ist, in ein frisches Bett zu gleiten? Die Laken auf der nackten Haut zu spüren. Heute ist ein Tag für Neugierde. Und für Zeit. Heute vergeht die Zeit langsamer, Meister Hora, der Hüter der Zeit, hat es doch geschafft, die Minuten nur für dich langsamer laufen zu lassen. Erkunde dich selbst, deinen Körper. Ja, das darf sexuell anregend werden, muss es aber nicht.

Wohin treibt dich der Tag, die Lust, der Augenblick?

Verfalle nicht in vorgefertigte Muster, lass dich treiben. Da liegt ein ganzer Tag vor dir und er gehört nur dir! Keine Termine, keine Freunde, keine Familie - da bist nur du. Glaube mir, du kannst es definitiv aushalten, mit dir einen Tag allein zu sein. Wenn es dich langsam aus dem Bett heraustreibt, erkunde doch einmal deine Wohnung. Raum für Raum. Lege dich auf den Boden, spüre den Boden. Dein eigenes Gewicht auf den Holzdielen.


Welche Pflanzen stehen in diesem Zimmer? Welche Blätter tragen sie? Wie fühlen sie sich an? Und der Staub? Sicherlich gibt es Ecken in deiner Wohnung, wo die Zeit ihre verräterischen kleinen Krümel gleichmäßig über alles verteilt hat. Jetzt ist nicht die Zeit, zu putzen, aber warum malst du nicht ein grinsendes Gesicht auf die verstaubten Buchrücken? Zeit für Kindereien.

Überhaupt Bücher. Bücher und Filme. Erkunde sie! Blätter in den alten Bänden. Wie lange hattest du die einzelnen Exemplare schon nicht mehr in der Hand? Kannst du dich noch an den ersten Satz erinnern? Oder den letzten? Oder an eine besondere Szene, eine Stelle zwischen den Seiten, die du besonders geliebt hast? Und wie sieht es mit den Filmen aus? Weißt du noch, bei welchen Momenten du laut lachen musstest? Oder du dich zu Tode erschreckt hast, weil das Monster durchs Bild lief?

Kannst du dich noch erinnern, mit wem du den Film zuletzt gesehen hast? Habt ihr dabei Popcorn gegessen? Chips? Oder habt ihr es vielleicht gar nicht geschafft, den Film ganz anzusehen, weil ihr plötzlich mehr bei euch als auf den Bildschirm konzentriert wart? Bekommst du Hunger? Oder Durst. Wunderbar. Schlendere doch einmal durch deine Wohnung. Und warum eigentlich nicht nackt?

Du bist ein wunderschöner Mensch, genau so, wie du bist. Verstecke dich nicht.

Wenn du Lust hast, hole dir ein Glas Wein oder etwas Leckeres zum essen. Folge deiner Begierde, nicht deinen Bedenken. Heute zählen keine Kalorientabellen, keine Fitnessvorsätze, heute zählt nur der Augenblick.


Weißt du noch, wann du zuletzt deine Hand auf die Wand gelegt hast? Ja, die Wand. Es gibt da diese Frau, eine Künstlerin, ihr Name ist Marina Abramovic. Vor einigen Jahren setzte sie sich für neunzig Tage ins weltberühmte MoMa-Museum in New York. Menschen kamen, sahen ihr einfach nur in die Augen, von Angesicht zu Angesicht, und es entstand eine Verbindung. Jedes Mal. Die meisten Menschen weinten und beschrieben dieses Erlebnis später als eine der tiefgreifendsten Erfahrungen ihres Lebens.

Über eine dreiviertel Million Menschen erging es so. Und Abramovic? Sie hat einfach nur hingesehen. Niemals weggesehen. Tief hinein. Die selbe Frau umarmt heute Bäume, stundenlang manchmal. Spürt das Holz. Klingt verrückt für dich? Warum probierst du das nicht einmal aus? Lege die Hand auf deinen Schreibtisch, deine Wand, deinen Schrank. Haben sie nicht alle etwas zu erzählen? Wie lange begleiten dich diese Wände, diese Gegenstände als stumme Zeitzeugen in deinem Leben? Haben dich weinen gesehen? Lachen? Haben gesehen, wie dich ein Orgasmus ganz verschlungen hat. Haben dich stockbetrunken und todtraurig erlebt.


Lust, noch mehr zu erkunden? Wie wäre es mit deinen Schränken voll Kleidung und Schuhen. Zwischen dem ganzen unnützen Zeugs versteckt sich das ein oder andere Juwel, das besonders ist. Nur für dich besonders. Ist es nicht so? Warum ist das so? Erinnere dich. Male dir diesen Moment aus.

Mache dir klar, all das, was dich umgibt, sind Puzzlestücke deines Lebens. Sie sind nicht du, aber sie sind wie Reisende, die eine Zeitlang mit dir im selben Abteil sitzen. Meistens wissen sie mehr von dir, als dir lieb ist und es ist nur zu gut, dass sie nicht reden können. Was würden sie alles verraten? Und wem?


Hast du eine Badewanne? Oder eine Dusche? Wie wäre es jetzt mit heißem Wasser auf deiner Haut? Klingt das nicht wunderbar? Lass dir Zeit, denn du weißt, heute haben die Minuten nicht sechzig Sekunden. Wenn du willst, entzünde eine Kerze, lege Musik auf. Die Nacht kommt früh genug wie ein stummer Jäger, der das Haus umschleicht. Du wirst ihn nicht hineinlassen, aber wissen, dass er da ist.Vielleicht ist er ein kleiner Spanner und sieht dir zu, wie du nackt durch die Zimmer deines Lebens schlenderst und deine Gedanken weit weg wandern lässt.

Zu anderen Zeiten. An andere Orte. Zu Menschen, die du geliebt hast, die du liebst. Zu Menschen, die dir weh getan haben und zu solchen, die zu früh verschwunden sind. Hast du einen besonderen Menschen im Kopf? Wie wäre es, schreibe ihm doch einen Brief. Du hast keinen Menschen, dem du gerne schreiben willst? Doch, da ist mindestens einer. Ein ganz großartiger Mensch. Du. Wie wäre es, schreibe dir selbst einen Brief? Was immer du willst. Es gibt sicherlich einiges, was du dir schon immer einmal sagen wolltest. Heute ist der Tag dafür.


Und während der Abend über die Dächer streift, bist du plötzlich ganz bei dir angekommen. Ganz hier. Nur du. Habe keine Angst davor, denn es ist ein wunderbares Gefühl. Und wer weiß, vielleicht ist morgen noch so ein Tag, ein Tag nur für dich. Was denkst du? 

Fotograph : PIERRE SIMARD Instagram: psimard_photog

Model : Sean Peek seanpeek7 

AUTOR:
Michael Soze

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