Ein Kämpfer für die Schönheit

Ein Kämpfer für die Schönheit


Jordan Mejias ist ein ganz besonderer Künstler, denn der dünne New Yorker im besten Daddy-Alter hat nicht nur einen messerscharfen Verstand und einen ebenso wunderbaren Humor, sondern auch die Gabe, männliche Schönheit für die Ewigkeit auf die Leinwand zu bannen.

Und dabei geht es ihm um weit mehr als nackte Ärsche und Schwänze, denn Schönheit ist viel mehr - eine Liebeserklärung an das Leben und ein mutiges politisches Statement, gerade in diesem Wahljahr in Amerika. Mejias lebt zusammen mit seinem deutschen Ehemann im Big Apple, während seine Bilder in Amerika und Europa in dutzenden Galerien ausgestellt werden. Wir haben Jordan Mejias zum Interview getroffen.


Deine Arbeiten strahlen immer eine gewisse Magie aus - man blickt immer wieder hin und entdeckt neue Sichtweisen, die spannend sind. Wie schaffst du es, den Zauber dieser Männer so prickelnd einzufangen?

Zuerst plaudere ich bei einem Bier oder einem Glas Wein mit den Jungs, die ich zeichnen werde. Mir ist wichtig, nicht nur eine Figur zu zeigen, sondern ich möchte ein Gefühl, eine Atmosphäre einfangen. Der schönste Körper kann langweilig sein, wenn er nur ein Haufen Fleisch und Muskeln ist. Nichts gegen einen Arsch und einen Schwanz! Aber für mich dreht sich alles um Sinnlichkeit. Es ist der Nervenkitzel einer Linie, eines Blicks, einer Bewegung. Ansonsten hat ein Bild kein Leben. Es ist sehr einfach, einen riesigen Ständer zu zeichnen. Aber ein sinnlicher Kerl, der dir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht? Das ist eine andere Geschichte. Mit oder ohne Ständer.


Die meisten Kerle, die du zeichnest, sind real existierende Männer - wo findest du sie?

Die meisten meiner Models sind keine richtigen „Models". Einige sind Fremde, die gerade durch New York ziehen und gemalt werden wollen. „Unsterblich" werden wollen. Viele der Männer sind mit der Zeit zu Freunden geworden und immer mehr wurde unsere Beziehung freier und entspannter. Ich kann fühlen, woher sie kommen und sie sehen, wohin ich gehen will. Die meisten meiner festen New Yorker-Models sind Tänzer, Schauspieler und Performancekünstler, viele davon vom Broadway oder aus der Kabarett- und Burlesque-Szene. Aber es gibt auch Buchhalter, Computertechniker und Jurastudenten darunter. Ein Militärpilot aus Texas und ein Bauer aus Vermont kommen gelegentlich auch vorbei. Sie alle haben ihre eigene Schönheit, wenn ich sie zeichne.


Du hast eine besondere Art, einen nackten, männlichen Körper festzuhalten, diese einzigartige Schönheit einzufangen.

Ich bin einfach offen für jede Form des männlichen Körpers. Konventionelle Schönheit ist großartig, aber nicht zwingend notwendig. Die Sinnlichkeit steht immer an erster Stelle - Sexyness wird nicht in Zentimetern gemessen. Du hast dreiundzwanzig Zentimeter zu bieten? Cool, aber darf ich auch deine einzigartige Ausstrahlung erleben oder bleibt es bei einem nackten Körper - schön, aber langweilig. Es zählt nie die Form oder Größe allein, es ist immer das, was damit einhergeht.


Allein auf Instagram folgen dir viele tausend Menschen. Du hattest zahlreiche Ausstellungen, zwei deiner Bücher sind in der Bibliothekssammlung des Metropolitan Museum of Art aufgenommen worden. Wie gehst du mit diesem Erfolg um?

Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Natürlich ist es toll, wenn die Leute mir sagen, dass sie mir folgen und meine Kunst lieben, aber am Ende ist es der Nervenkitzel des Malens, der mich weitermachen lässt. Wenn ich in meinem Atelier bin und nicht nur eine Figur malen kann, sondern es schaffe, die aufgeladene Atmosphäre einzufangen, dann bin ich wirklich glücklich. Erfolg ist nur ein schöner Bonus.


Dein aktuelles Buch dreht sich um die Männer von Michelangelo - was macht diese Darstellungen so besonders für dich?

Wenn man männliche Körper malt, wie kann dann nicht alles mit Michelangelo beginnen und enden? Er ist die höchste Messlatte, jeder muss sich vor ihm verneigen. Und wie kann man einen solchen Rebellen nicht lieben und verehren, der zwanzig nackte Männer an die Decke der Kapelle des Papstes angebracht hat? Ich meine, zwanzig der schönsten Männer, die man je gesehen hat! Und die sind einfach dort, ohne ersichtlichen Grund, nur für unser Vergnügen. Und sie haben in den letzten fünfhundert Jahren nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Tausende Menschen haben sie immer und immer wieder gemalt, so wie auch ich. Ich zeigte die Bilder meinen Modellen und bat sie, sich in sie zu verwandeln. Sie alle hatten verdammt viel Spaß damit und ich habe es geliebt, sie zu malen!


Woran glaubst du?

Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Tolles Zeugs! Es steht sogar in der amerikanischen Verfassung, man glaubt es kaum. Warum also versinkt die Welt noch immer im Chaos? Versuchen wir doch, ein bisschen mehr Schönheit in die Welt hinauszutragen. Echte Schönheit ist das Gegenteil von Hass, Gewalt und Dummheit. Oder wie wäre es mit etwas mehr Liebe? Werft mit eurer Sinnlichkeit um euch und ihr habt ein großartiges Leben!


Steht denn die Community in New York in diesen Zeiten eng beieinander?

Hier in New York ist sie sehr zersplittert. Es gibt jetzt so viele Gruppen und Untergruppen und Unter-Untergruppen, dass du jeden Tag neu festlegen musst, wo du dazugehörst - und wehe, du sagst ein falsches Wort, dann bist du in größten Schwierigkeiten. Wenn ich noch rausgehe, dann meistens dorthin, wo meine Jungs singen, tanzen oder auftreten. Das sind oftmals kleine Clubs oder Bars auf der Lower East Side oder in Brooklyn. Je weiter weg vom Mainstream, desto besser!


Du bist allein durch deine Werke auch ein politischer Mensch und setzt gerade jetzt ein Zeichen mit deinen Werken.

Ja, das stimmt wohl, für viele ist ein nackter Körper immer noch etwas Verdorbenes, selbst innerhalb der Kunstszene. Für mich ist das Malen auch ein Akt des Protestes, besonders wenn man wie ich die erotische Seite nicht versteckt. Instagram hat schon zwei Mal meinen Account dichtgemacht und jetzt versuchen sie alles, um meine Follower-Zahlen nach unten zu drücken. Es ist ein eindeutiger homophober Akt, denn heterosexuelle Kunst gibt es überall unzensiert. Viele meiner Kollegen haben in letzter Zeit die gleiche Erfahrung mit dieser Diskriminierung gemacht. Also, unser Kampf geht weiter!

Besuche Jordan Mejias bei INSTAGRAM 

AUTOR:
Michael Soze
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