Das Privileg Liebe

Das Privileg Liebe


Als der Film ROCKETMAN über das Leben von Popstar Elton John bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, häuften sich die positiven Kritiken. Wie schonungslos, wie ehrlich hier doch über das drogenreiche und ausschweifende Leben des Briten erzählt wird. Und dann gibt es diese eine Szene im Film, in der Elton Johns Filmmutter am Telefon von seiner Homosexualität erfährt und ihm erklärt, er wähle ein Leben in Einsamkeit. Ein Leben ohne Liebe.

Ähnliches musste auch Freddy Mercury im Film BOHEMIAN RHAPSODY erfahren: Ein schwuler Mann und die Liebe? Wahres Glück? Das geht doch nicht. Auch wenn beide Poptitanen in späteren Jahren ihre große Liebe noch gefunden haben, verfestigt sich bis heute der Eindruck, dass Liebe und Homosexualität nicht so recht zusammen passen mögen, egal wie aufgeklärt doch die Zeiten sind.


   


Verständlich in gewisser Weise, wurde schwulen Männern doch jahrzehntelang von der Gesellschaft eingetrichtert, dass Liebe für sie klassisch nicht existiert – der berühmte Schwulenparagraph 175, der homosexuelle Handlungen in Deutschland unter Strafe stellte, und die HIV-Epidemie taten ihr Übriges dazu. Wahrscheinlich auch deswegen leben laut einer Studie der Deutschen Aidshilfe nur rund vierzig Prozent der älteren Homosexuellen in einer Beziehung, bei den jungen Schwulen dagegen sind es beinahe doppelt so viele.

Auch wenn diese bei den jungen Kerlen zum allergrößten Teil nicht länger als ein Jahr hält, nimmt mit steigendem Alter häufig der Respekt vor der Zweisamkeit, der Respekt vor der Liebe zu und somit sind auch die Beziehungen von längerer Dauer. Respekt vor der Liebe? 

Natürlich kann man solche Zahlen leichtfertig damit abtun, dass sich junge Schwule eben ausprobieren wollen, gerne viele Sexualpartner haben, während ältere Männer vielleicht einfach altersbedingt seltener in fremde Betten hüpfen. Doch das gängige Klischee hinkt an vielen Ecken und Enden, immerhin rund siebzig Prozent der Herren über 44 Jahre haben mehrere Sexualpartner im Jahr. Bei den jungen Schwulen ist es dagegen nur knapp die Hälfte; während ihren, wenn auch kurzen Beziehungen, sind etwa 3 von 4 Jungs sogar monogam unterwegs.

 

© Cockyboys

Die Liebe, sie ist also ein hohes Gut. Über achtzig Prozent aller schwulen Männer wünschen sich nichts sehnlicher als eine Beziehung. Der Wunsch nach Liebe ist somit allgegenwärtig, egal ob alt oder jung. Vielleicht fehlt uns nicht die Erfahrung im Umgang mit der Liebe, sondern der Respekt davor? Vielleicht müssen wir wieder lernen zu begreifen, was für ein hohes Privileg die Liebe ist? 

Liebe in Zeiten von Dating-Apps 

Es geht hierbei nicht um das Thema Monogamie, denn Liebe kann sowohl in offenen Beziehungen wie auch in reinen Zweierbündnissen Bestand haben. Es geht darum, wie wir selbst mit der Liebe umgehen, wie wir sie immer mehr zu einem Konsumgut machen. Wir sind es gewöhnt zu konsumieren, vom Pizzaservice bis zum schnellen Wochenendtrip in eine spannende Metropole. Im digitalen Zeitalter haben wir gelernt, dass wir nicht nur Waren jederzeit online kaufen können, sondern auch Menschen sind zu einer konsumierbaren Größe geworden. Egal ob Tinder, Planetromeo, Scruff oder Grindr – mit einem Wisch, mit einem Klick bewerten wir binnen Sekunden austauschbare Körper, filtern in Bruchteilen nach persönlichen Vorlieben.

Natürlich wünscht sich kein schwuler Mann ernsthaft wieder die Zeit zurück, als man sich illegal in dunklen Parks und auf Klappen verabreden musste, um ein Date zu haben, doch verkommt unsere Partnersuche inzwischen zu einer so einfachen Konsumform, dass die Liebe zwangsläufig als ebenso belanglos und austauschbar erscheint. Wenn es mit dem einen Kerl nicht klappt, verliebe ich mich eben in den nächsten. So what!


Kürzlich bestätigte auch die berühmte, deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin Ruth Westheimer in der Show Ellen die Problematik: „Wenn es Probleme gibt, geht es meist nicht mehr um den Orgasmus oder einen vorzeitigen Samenerguss. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen, miteinander reden. Die Kultur des Miteinander-Redens geht immer mehr verloren. Jeder hängt nur noch an seinem Smartphone. Wir müssen den Leuten sagen, gib acht! Sprecht wieder mehr miteinander! Finde jemanden, der dich zum Lächeln bringt, weil du weißt, wenn du nach Hause kommst, ist da jemand und wartet auf dich.“ 

Vielleicht sollten wir einmal den Reset-Knopf in unserem Kopf drücken, alles einmal wieder auf Null stellen und sich mal in Ruhe und ganz von neuem auf den Partner einlassen. In Zeiten von perfekten Instagram-Fotos und gestellten Glückswelten einfach einmal wieder ehrlich sein – zu sich und dem anderen Kerl. Liebe hat etwas mit Beständigkeit zu tun und der darin verborgenen Wahrheit. So sehr ich auch auf meinen Profilen, mein eigenes Selbst hypen kann, mich selbst als den tollsten und größten Typen präsentieren kann, so schnell verfliegt all das Oberflächliche in einer Liebesbeziehung.

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Wir lernen unseren Partner sehr ehrlich, sehr ungeschminkt, von seiner ganz und gar realen Seite kennen. Das kann sicherlich manchmal auch erschrecken und ist vielleicht deswegen mit ein Grund, warum wir lieber schnell zum nächsten Abenteuer springen, anstatt uns längerfristig zu binden.

Wir alle sind nicht perfekt, wir alle haben unsere Eigenheiten und Macken, wir alle werden älter, wir alle haben nicht den einen perfekten Schwanz, den einen perfekten Arsch – aber wer es schafft, mit Liebe auf seinen Partner zu blicken, beginnt, auch das alles zu lieben. Man übersieht es nicht oder verdrängt es im Nebel von Schmetterlingsgefühlen, nein, man blickt im Gegenteil immer genauer hin, je länger diese Liebe andauert und bemerkt im besten Fall irgendwann, wie besonders, wie einzigartig diese andere Person in unserem Leben ist.

Und wie großartig es ist, dass diese Person mich ebenso liebt. Es ist und bleibt ein großes Privileg, einen anderen Menschen zu lieben, wir sollten dankbar dafür sein – egal ob die Liebe einen Tag oder hundert Jahre andauert. Trotz der Schnelllebigkeit des 21.Jahrhunderts sollten wir gerade die Liebe mit einem beinahe altmodischen Blick betrachten, wir sollten sie so annehmen, wie schon vor einigen hundert Jahren William Shakespeare sie erklärte: Liebe ist nicht der Narr der Zeit. Liebe ist alles!

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Vielleicht liegt unser lascher Umgang mit der Liebe auch an unserer Unzufriedenheit, gibt es doch dauernd etwas, was noch schöner, größer, besser sein könnte in unserem Umfeld. Und natürlich kann man auch immer etwas an einer Beziehung verbessern, oder?

Wir tun uns und unserer Liebe den größten Gefallen, wenn wir endlich aufhören mit unserer stetigen Selbstoptimierung. Man darf auch einmal nur so die Hand seines Partners halten, gemeinsam in die gleiche Richtung blicken, vielleicht bei den heißen Temperaturen ein Eis essen und einfach zufrieden sein, glücklich sogar – welch großes Wort. Der ganze Planet gerät nach und nach aus den Fugen, weil so viele Menschen immer mehr wollen, mehr Geld, mehr Gut, mehr von allem. Nur glücklich werden wir davon nicht.

Wenn wir wieder Respekt vor der Liebe entwickeln wollen, müssen wir lernen, mit dem Augenblick zufrieden sein zu dürfen. Natürlich können wir uns Ziele stecken, sollen das sogar, natürlich dürfen wir auch eine Liebe beenden, wenn sie wirklich vorbei ist, doch zuvor sollten wir innehalten, einen Moment durchatmen und wirklich realisieren, was wir haben.

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Unsere Unzufriedenheit kommt sicherlich ein Stück weit auch von der Tatsache, dass wir so wenige positive schwule Rollenvorbilder haben. Wenn es sie aber gibt, dann zeigt sich an den Reaktionen vieler tausender Kerle, wie sehr wir danach dürsten. Egal ob der britische Olympiasieger Tom Daley seine Liebe mit dem Drehbuchautoren Dustin Lance Black auf Instagram feiert oder Pornostar Blake Mitchell sein Liebesglück online zelebriert, nachdem er zuvor lange Zeit noch beklagte, wie sehr er doch die Liebe in seinem Leben vermisse.

Sex ist toll, großartig, aber nicht alles – und selbst heißbegehrte Pornostars wünschen sich manchmal nur einen Mann, der mit ihnen Händchen hält. Machen wir es doch einfach so: Seien wir unsere eigenen Rollenvorbilder, leben wir unsere eigene Liebe als ein besonderes Privileg aus und nicht als etwas, das sich schnell nachts am Tankstellenautomaten kaufen lassen kann. Schwule Männer können genauso Liebe leben wie alle anderen Menschen auch, wir müssen nur manchmal mit etwas mehr Demut an die Sache herangehen. Wie sang einst Reinhard Mey: Liebe ist alles. Liebe ist mehr.

AUTOR:
Michael Soze
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