Lust auf ein neues Leben?

Lust auf ein neues Leben?


Ich freue mich. So richtig. Ich freue mich auf frische Kürbissuppen, auf überraschend warme Sonnenstrahlen im Herbst, auf einen unerwarteten Regenschauer, der all das Stöhnen, den Staub und das Säuseln der Jammernden mit sich nimmt und es in den Ritzen und Löchern der Kanaldeckel verschwinden lässt.

Jedes Jahr recken sich bei mir die selben Gefühle, wenn der Herbst an unsere Fenster klopft. Dann, wenn auch die Männer Stück für Stück plötzlich wieder so anschmiegsam werden.


Und es wieder macht Spaß macht, schweißfrei Männer zu erkunden, zu entpacken und mit den Lippen abzulecken. Die Jungs schmiegen sich an uns und tragen in sich noch die Wärme des Sommers. Was will man mehr?

Aber ich freue mich noch aus einem ganz anderen Grund: Es ist Zeit für eine Veränderung, für eine Fokussierung auf das Wichtige, für neue Wege und neue Begegnungen. Und für ein neues Denken. Anstatt müde und lethargisch zu sein, sollten wir uns dem Hier und Jetzt stellen. Küssen, ficken, spüren, gemeinsam schwitzen, Lust und Ekstase zelebrieren. Wir leben noch.


Wir waren vernünftig. Wir waren unvernünftig. Wir feierten im Stillen, wir feierten laut hörbar. Im Jahr 2020 haben wir zudem gemerkt, wie wichtig uns Dinge sind, die wir zuvor als selbstverständlich hingenommen haben. Hoffentlich haben nun auch alle begriffen, dass Kreative und Künstler nicht ein nettes Add-On in unserem Leben sind, sondern das Knochenmark unseres Daseins. Wir brauchen sie, um zu überleben. 2020 saßen wir in Bars und Restaurants zusammen – auf Abstand.

Und in uns zerrte es, zwei Gegenpole stießen sich ab. Die Vorsicht ermahnte uns, besonnen vorzugehen. Die Lebensfreude dagegen wollte feiern, jetzt erst recht – das Leben, den Sex, den nächsten Orgasmus oder einfach den Tag, der plötzlich nur wegen einer einstmals unwichtigen Kleinigkeit jetzt besonders geworden ist.


Das lässt uns manchmal euphorisch das Glück des Moments besingen, ein anderes Mal drückt es uns nach unten, wir fühlen uns verloren. Denn wir wissen, dass wir eigentlich nichts wissen. Keiner kann wirklich sagen, was uns die nächsten Jahre erwartet. Wie wir arbeiten, leben, feiern, ficken werden – oder auch nicht. Jetzt ist das passiert, was wir früher kindlich naiv in Poesiealben geschrieben haben und uns heute als Instagram-Bildchen zuschicken: Carpe diem. Nutze den Tag. Man weiß nie, was morgen kommt. Lebe das Jetzt.

Das waren früher nette Sprüche, nicht weniger wahr als heute, doch irgendwie nickten wir oft nur und liefen dann weiter in unserem Hamstertag aus Alltag und dem ganz normalen Lebenswahnsinn. Jetzt aber plötzlich stimmt das alles zu einhundert Prozent: Wir können nicht planen, weg ist die vermeintliche Sicherheit, wir fallen. Das kann uns zu schaffen machen, oder?


Aber vielleicht fallen wir gar nicht wirklich, vielleicht fliegen wir einfach nur? Vielleicht können wir diese Zeit genießen. Zeit ist im Übrigen das richtige Wort. Wir haben es hier nicht mit einer kurzen Pause unseres Lebens zu tun, wir erleben eine neue Zeit. Und jetzt?

Es ist leicht, etwas Neuem mit Argwohn, Niedergeschlagenheit oder Abkehr zu begegnen. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, zumeist Gewohnheitstiere. Eine gewisse Form von Alltag schafft in unserem Leben Struktur und damit das Gefühl von Sicherheit.


Jetzt, Männer, müssen wir anfangen, mutig zu sein. So richtig! Mutig für uns, mutig für all jene Menschen, die uns wichtig sind. Jetzt gilt es, die Weichen für ein neues Leben zu stellen. Für neue Kontakte, neue Beziehungen, eine Neuausrichtung. Wenn ihr euch zurückerinnert, habt ihr alle schon einmal Punkte in eurem Leben gehabt, die euch haben wanken lassen.

Jetzt braucht ihr stärker als zuvor die Zuversicht wie damals, den Glauben an euch selbst. Also, Schluss mit dem Säuseln, mit dem Stöhnen, dem Jammern, dem Nachweinen. Da entsteht gerade etwas Neues und das ist spannend. Was ihr aus eurem alten Leben behalten könnt, nehmt ihr mit. Das sind eure Schätze, ganz gleich, ob es der Mann an eurer Seite, der Lieblingshamster Fred oder das Telefonbuch mit den zehn besten Stechern eures Lebens ist.

Alles andere lasst los und nutzt die Unwissenheit, was die Zukunft bringt, für Neugierde und Entdeckerlust. Vielleicht krempelt ihr euer Leben noch einmal komplett um? Oder ihr verändert Kleinigkeiten. Vielleicht schmiedet ihr Pläne oder macht einen ersten Schritt, euch zu verändern – ob im Beruf, im Privatleben oder im Freundeskreis.


Ja, dieser Virus hat alles einmal auf Null gestellt, aber er hat uns auch gezeigt, was für uns alle wichtig ist, wer wichtig ist und was jedem Einzelnen ganz privat wichtig ist. Er hat uns gezeigt, wie schnell sich alles wirklich ändern kann, dass nichts selbstverständlich ist und wie sehr wir all das genießen und schätzen sollten, was wir haben.

Und er hat uns mit Mut und Neugierde befeuert, denn irgendwie wird es weitergehen. Wir haben es jetzt in der Hand, wie spannend, aufregend, interessant, geil und sexy das werden kann. Und vielleicht können wir uns dieses eine bewahren – die Erkenntnis, wie besonders unser Leben ist und wie viel Wunderbares darin passiert.


Fernab von Kalendersprüchen können wir es dann vielleicht schaffen, unser Leben wesentlich intensiver zu genießen. Egal, ob wir leidenschaftlich Sex haben, den schönsten Kerl der Welt bewundern oder uns einfach nur auf eine köstliche Kürbissuppe freuen.

Alles wird ein Stück weit besser sein in dieser Welt voll von neuen Dingen. Klingt das nicht aufregend? Der Schauspieler Harrison Ford hat einmal gesagt: „Große Veränderungen in unserem Leben können eine zweite Chance sein.“ Der Mann war drei Mal verheiratet, überlebte einen Flugzeugabsturz und drehte mit fast achtzig Jahren den fünften Teil einer berühmten Abenteuerserie. Wenn Harrison Ford das also sagt, dann können wir ihm wirklich glauben. Wer will schon ernsthaft Indiana Jones widersprechen?

Bilder Copyright: Helix Studios

AUTOR:
Michael Soze
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