Brauchen wir schwule Wurzeln?

Brauchen wir schwule Wurzeln?


Jedes Jahr, spätestens wenn die Tage wieder dunkler und kälter werden, ziehen wir uns in uns selbst zurück, schließen alle Fenster, um die Kälte auszusperren, und zünden Kerzen an, um Licht in unsere Herzen zu lassen. Morgens verlassen wir im Dunkeln das Haus auf dem Weg zur Arbeit und kehren meist erst wieder zurück, wenn die Sonne abermals verschwunden ist


Die Müdigkeit legt sich über uns und die Hektik peitscht uns den Takt der Winterzeit vor. Wollten wir es nicht einmal ruhig angehen lassen? Doch spätestens wenn Weihnachten einmal mehr naht, laufen wir irgendwann trotzdem mit im Beat der Christmas-Time, stets von George Michaels Evergreen-Song begleitet. Natürlich können wir uns die Zeit auch schön machen, Weihnachtsmärkte besuchen, Glühwein trinken, uns aneinander erwärmen.

Doch trotzdem kehren die Meisten von uns beinahe schon wie ein fixes Ritual zur Familie zurück. Wir kaufen Zugtickets, steigen in Flugzeuge, und fahren stundenlang über vereiste Autobahnen, um dort anzukommen, von wo wir einst weggegangen sind. Manchmal vielleicht auch geflohen sind. Es gibt wieder den Festtagsbraten, herzliche Umarmungen, Tannenbäume und Stunden mit einer Überdosis Heimeligkeit. Zurück zu den Wurzeln eben.


Wie sehr bestimmt unsere Herkunft unsere Gegenwart?

Wir alle haben individuelle Wurzeln und Prägungen, gute wie schlechte, die uns als erwachsene Menschen zu dem gemacht haben, der wir heute sind. Doch bestimmen diese Wurzeln uns noch heute? Und gefällt uns das überhaupt? Oder fühlen wir uns abgeschnitten von der Vergangenheit? Brauchen wir als schwule Männer eine neue Definition unserer Wurzeln? Ist es Zeit für schwule Wurzeln?

Und was wäre das überhaupt? Wie heimisch, wie sehr verwurzelt und angenommen fühlen wir uns in der Gay-Community? In den schwulen Metropolen ist für viele Männer die Szene ein fester, geborgener Ort geworden, der sie nicht nur definiert, sondern ihnen auf der einen Seite Halt und Kraft und auf der anderen Seite die Möglichkeit zur freien Lebensentfaltung gibt.

Doch auch hier gibt es nicht wenige Kerle, die sich in Städten wie Berlin oder Köln, umgeben von vielen schwulen Männern, einsamer fühlen als so mancher Homosexueller auf dem Land. Als heimatlos und allein empfinden sich vor allem dann auch Männer, wenn sie sich weder in ihrer eigenen Familie noch in der Community aufgefangen fühlen. Wo ist der Ruhepunkt in unserem Leben, wenn wir frei von jedweden Wurzeln unser Dasein bestreiten wollen?

Oder schafft das Kappen aller Seile eine neue Art von Freiheit? In Gesprächen mit Psychologen zeigt sich immer wieder, dass es nicht leicht ist, sich gänzlich von unserer Vergangenheit zu trennen. Wir können uns mit ihr arrangiert und negative Erlebnisse auch verarbeitet haben, doch tief im Inneren unserer Gehirne bleiben Restspuren davon verankert. Jene, die uns bisweilen noch immer unbewusst steuern oder unsere Entscheidungen mit beeinflussen. Vielleicht ist es an der Zeit, mit den alten Wurzeln zu brechen, sie auszugraben und eine neue Definition zu finden, einen neuen Blickwinkel, wohin unser Weg uns führen kann.

Glücklich sind natürlich all jene, die zufrieden mit ihren Wurzeln sind, sich geborgen in ihrer Familie und bestenfalls auch angekommen in einer schwulen Gemeinschaft fühlen. All jene, die nicht zu Hause eine völlig andere Person sind als in der Szene. Doch scheint dies eine Minderheit zu sein.


Um die Situation gänzlich zu klären, müssen wir einen Blick darauf werfen, wie wir unsere Wurzeln definieren. Sind es die Prägungen und Werte, die wir von unseren Eltern mitbekommen haben? Sind es die Erfahrungen, die unsere Leben beeinflussen oder sind es gar unsere Gene? Eine groß angelegte, internationale Studie mit rund einer halben Million Teilnehmer legt derzeit die These nahe, dass unser Verhalten und unsere Denkmuster bis zu einem bestimmten Punkt festgelegt sind.

Allerdings sind die damit verbundenen kognitiven Vorgänge komplex und wir brauchen keine Furcht davor zu haben, dass Gene allein unser Schicksal bestimmen, sondern es sind eine Vielzahl von Einflüssen, die sich ganz individuell auf uns auswirken können. Zudem müssen wir erkennen, dass unsere Gene sich im stetigen Wandel befinden, von Generation zu Generation gibt es Variationen, die die Grundvoraussetzung für eine Weiterentwicklung darstellt.


Kurzum, wir sind Individuen, bekommen genetische Vorgaben und reagieren aber aufgrund äußerer Einflüsse stets anders auf Ereignisse. Damit wird endlich auch die alte Diskussion von einem „Schwulen-Gen“ ad absurdum geführt, denn auch die Entwicklung unserer Sexualität unterliegt nach neustem Wissensstand einer Vielzahl von Einflüssen, die sich nicht auf eine Handvoll „homosexueller Gene“ reduzieren lässt.

Gene, Erziehung, Erlebnisse - was prägt uns?

Unsere Gene tragen also zu unseren Wurzeln bei, doch wir sind viel mehr als ein biologischer Spielzeugkasten. Doch wie leben wir mit diesen Wurzeln, diesem manchmal konfusen, emotionalen Konstrukt aus Zugehörigkeit und Überforderung? Schwule Männer stellen sich unbewusst oder bewusst vermehrt diesen Fragen, da sie in den meisten Fällen zeitlebens mindestens zwei Leben leben - das meist brave und situierte Leben für unsere Familien und die andere Lebenswelt, in der oftmals Lust und Männlichkeit dominieren.

Können wir in beiden Welten Wurzeln schlagen, ohne dass sich die einzelnen Stränge immer mehr ineinander verknoten, bis wir drohen, zu stolpern? Wie bringen wir wilde, sexuelle Erfahrungen mit Mutters bravem Sohn zusammen?

Zeit zu Handeln!

Vielleicht ist dafür jetzt die richtige Zeit! Egal ob wir einmal mehr nach Hause fahren, unsere Zweisamkeit mit unserem Partner genießen oder uns mit sexueller Freiheit ausleben, sollten wir uns doch sehr bewusst einmal klarmachen und hinterfragen, was uns geprägt hat, was uns noch heute bestimmt und wo wir unsere, vielleicht frischen, neuen Triebe verwurzelt sehen wollen. Es dauert eine Zeitlang, bis wir wirklich verstehen, dass wir es nur sehr selten allen recht machen können.


Natürlich können wir das Schauspiel je nach Belieben weiterspielen, vielleicht auch, um nicht andere Menschen zu verletzen, aber verletzen wir uns damit nicht irgendwann selbst? Vielleicht ist es an der Zeit, etwas richtig Verwegenes zu tun und zu sich selbst zu stehen - auch auf die Gefahr hin, dass das nicht allen immer gefallen wird.

Wer den Mut findet, seine Vergangenheit anzunehmen, sich den eigenen Wurzeln zu stellen und dabei vielleicht mit viel Neugier neue Keime pflanzt, wird schnell merken, wie befreiend und befriedigend dieses Leben sein kann. Es bedarf Kraft, fürwahr, aber wir sollten es uns wert sein. Wir haben es verdient, glücklich zu sein. Jeder von uns.

Denn egal, wie kalt es außerhalb unserer verschlossenen Fenster auch sein mag, manchmal breitet sich in uns selbst eine Kälte aus wie ein Gefrierbrand im Tiefkühlfach. Dann ist es Zeit, den Eiskratzer zu nehmen, alles abzuschaben, und mit viel Bewusstsein neu zu beginnen. Was dir gut tut, darf bleiben, darf von alten zu neuen Wurzeln heranwachsen, alles andere sollte endlich auf den Kompost.

AUTOR:
Michael Soze

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