Neue Lust, neues Leben!

Neue Lust, neues Leben!


Wir haben es uns verdient! Nach vielen Monaten mit Corona, die sich gefühlt wie ein Jahrzehnt in unsere kollektiven Erinnerungen gebrannt haben, können wir endlich wieder ein Stück weit unsere Lebenslust und Freude entdecken und von neuem beleben. Auch wenn im Freundeskreis und auf den Social-Media-Profilen inzwischen täglich so etwas wie ein Wettrennen stattfindet, wer bereits geimpft ist und wer nicht, wollen wir uns davon nicht die gute Laune verderben lassen.

Auch wenn man sich eines Schmunzelns nicht so ganz erwehren kann, wenn man sich in diesen Tagen auf den schwulen Dating-Apps umblickt: Punkteten einst die Kerle mit Zentimeterangaben, funkeln nun vielerorts wie ein lupenreiner Diamant die Worte „frisch geimpft“ als erstes über den Bildschirm. Vergessen sind Bilder von harten Schwänzen, trainierten Bodys und sexy Ärschen – allzu oft haben wir hunderte Bilder davon in den letzten Monaten angeschmachtet und durften oder sollten uns doch nicht treffen.

Ein wenig fühlte man sich an seine Kindertage erinnert, wo die Süßigkeiten links und rechts von der Supermarktkasse immer so verlockend aussahen, doch der strenge Mutterblick sagte Nein! Jetzt dürfen wir endlich wieder und so wird das Label „Geimpft“ zum neuen heiligen Gral in der schwulen Community. Sorgenfrei können wir uns wieder vergnügen und Lust und Leben ohne Unbehagen oder Angst im Nacken genießen.


Back to the roots?!

Obgleich vieles anders war und ist im Pride Sommer 2021 und dabei sozusagen ursprünglicher und back to the roots ist, können wir trotzdem wieder auf die Straßen gehen – gemeinsam. Hand in Hand, Fahnen schwenkend, lachend, flirtend und dieses ganz besondere Wir-Gefühl erleben, das beinahe in Vergessenheit geraten ist. Und wir nehmen etwas mit aus dieser stillen Covid-Zeit, und zwar die Erkenntnis, dass auch tausend Bilder und hundert sexy Chats nicht das reale Leben ersetzen können.

Mit einer Mischung aus Unverständnis und Erstaunen blicken wir nun vielleicht auf die Zeit vor Corona zurück, als wir uns freiwillig immer mehr in den sozialen Medien vergruben, unsere Instagram- und Twitter-Posts mit Farbfiltern bearbeiteten und das beste Stück so fotografierten, dass 16 Zentimeter plötzlich wie 21 wirkten. Die Welt der Dating-Apps kann uns verbinden und sie kann Kommunikation, Lust und schwules Feuer auch in jene ländliche Orte tragen, in denen keine schwule Kneipe an der Ecke wartet und das Licht im ganzen Dorf mit Einbruch der Dämmerung erlischt.

Doch eines sollten wir inzwischen gelernt haben: Eines sind die sozialen Medien nicht – sozial. Sie trennen uns mehr voneinander, verzerren die eigene und die fremde Realität eines noch unbekannten Mannes, nur einen Klick entfernt und doch so unendlich weit weg. Lasst uns eines merken: Ein Schwanz vor der Nase ist immer besser als ein Schwanz auf dem Bildschirm, diesen viel zu vielen black mirrors, in denen unser eigenes Spiegelbild verzerrt wird und langsam in die Finsternis entgleitet. Schluss damit, denn jetzt gehen wir wieder raus – auf die Straße, in die Bars und Clubs, eben überall dorthin, wo es aktuell erlaubt ist. Der perfekte Kerl am Tresen ist vielleicht doch nicht ganz so perfekt, aber er ist real. Und hey, ist sein Lächeln real nicht viel spannender als in der digitalen Ödnis deines Smartphones? Eben!


Raus, endlich raus!

Wir haben aktuell gleich doppelt Glück, nicht nur, weil die Beschränkungen und die Zahl der Erkrankten immer weniger werden, sondern auch, weil endlich Sommer ist. Wäre es nicht furchtbar, wenn Corona dem Ende entgegengehen würde und draußen das Wetter uns mit Regen und Nullgraden begrüßt? Diesen Sommer können wir nicht nur nutzen, um unser Lebensgefühl von neuem zu beflügeln, sondern wir können auch mit unserem Partner endlich wieder raus in die Natur.

Die frische Luft schnuppern, die Weite der Landschaft erblicken, das verheißungsvolle Knistern in den Büschen der Parks hören und die lüsternen Blicke der anderen Kerle auf der Haut spüren – all das können wir endlich wieder vollkommen aufnehmen und unsere eigene Beziehung damit bereichern und befeuern. Oder als Single das erhabene Gefühl erleben, endlich wieder etwas mehr zu sein als ein Kerl mit ein paar Likes.

Schnappt euch euren Herzensgatten oder eben einen Kerl, der gerade die passende Größe und Statur für euch hat, und los geht es nach draußen! Erkundet euch neu, eure Schwänze, Ärsche und Körper, erlebt euch bewusst und intensiv und macht euch klar: Euch wird hier gerade etwas geschenkt. Ihr könnt beinahe jungfräulich eure Lust und eure Lebensfreude ganz neu definieren, ausleben, erleben, entdecken. Ist das nicht wirklich großartig? Also, worauf wartet ihr noch?


Was nehmen wir mit?

Die große Frage ist, was nehmen wir aus den vergangenen Monaten mit? Wir wissen, dass natürlich noch nicht alles eitel Sonnenschein ist, viele Institutionen in der Community existieren nicht mehr, andere werden wohl noch viele Monate bangen und kämpfen müssen. Umso wichtiger für uns, dass wir nach der Erkenntnis über die Wichtigkeit einer lebendigen Szene nun auch Taten folgen lassen. Wir haben es jetzt in der Hand, ob wir unsere Community und damit, ja, auch unseren Kampf um Gleichberechtigung retten wollen oder nicht. Wenn all die Clubs, Bars und Treffpunkte verschwinden, wer soll dann mit uns die kommenden Jahre noch auf die Straße gehen? Und welche Außenwirkung entsteht, wenn die LGBTQ-Community dann scheinbar auch ohne LGBTQ leben kann?

Wenn in den nächsten Jahren die neu gewählte Bundesregierung dann versuchen wird, die Milliarden an Hilfszahlungen aus der Corona-Krise wieder reinzuholen, wo wird wohl zuerst der Rotstift angesetzt werden? Vielleicht bei einer Community, die gar nicht mehr präsent ist? Bei all dem Spaß und der Lebensfreude, die wir jetzt ausleben dürfen und auch müssen, sollten wir diesen Aspekt nicht außer Acht lassen: Es geht in diesem Sommer um deutlich mehr als Party, Sex und Lebenslust. All das gehört zu unserer schwulen Community fest dazu, doch damit das auch in den kommenden Jahren so bleibt, müssen wir ebenso laut werden, auf die Straßen gehen, sichtbar und hörbar sein. Und das auch lange danach noch, nachdem die letzten Stimmen der Demonstrationen verklungen sind.


Also, wir schnappen uns auf dem Weg nach draußen nicht nur Gleitgel, Kondome und Poppers, sondern auch jede Menge Stolz und Kampfeslust. Corona hat uns oftmals nicht nur ein Stück weit depressiv und entmutigt zurückgelassen, dieser Virus hat auch viele andere wichtige Punkte in der tagtäglichen Agenda und in der medialen Wahrnehmung verdrängt. Die Talkshows sind noch immer voll mit den alltäglichen Covid-Hitsongs und alle trällern mit, mal empört und dann wieder scheinbar einig in der Sache: Corona, Corona, Corona.

Und in diesem und den kommenden Monaten wird dieser einzigartige Sommerhit noch überzuckert von Neid und Missgunst frei nach dem Motto: Wann werde ich endlich geimpft und warum durfte mein Nachbar schon? In einem Land, ja, auf einem Kontinent wie Europa, in dem es scheinbar nur noch ein Thema gibt, heißt es, wachsam zu bleiben – gerade, wenn man Mitglied einer Minderheit ist. Männer, wir müssen uns dieses Jahr stark machen, für uns selbst und alle Menschen aus der LGBTQ-Community. Also, wir feiern, wir ficken, wir flirten und wir flanieren durch die Straßen – und wir sind laut und schrill und unüberhörbar! Jetzt und am besten für alle Zeit!  Und haben dabei zudem eine verdammt geile Zeit!

Copyright alle Bilder: Cockyboys

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AUTOR:
Michael Soze

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