Bitte! Pack´ deinen Schwanz wieder ein!

Bitte! Pack´ deinen Schwanz wieder ein!


Es mag sein, dass du den schönsten Schwanz der Welt hast. Oder wenigstens das tollste Teil der Stadt. Gratulation. Musst du ihn trotzdem immer ungefragt überall sofort raushängen lassen? Wer in den Szenen der Großstädte, besonders aber in Berlin, unterwegs ist, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere ganze Gleichberechtigung sich manchmal wohl darauf reduzieren lässt, wie freizügig wir Sex haben dürfen. Machen wir wirklich unsere ganzen Kämpfe um Akzeptanz daran fest, wie oft wir uns nackt und mit steifem Schwanz zeigen können? Hängen all unsere Errungenschaften der letzten Jahre daran?

Und werden wir wirklich schon diskriminiert oder unterdrückt, wenn wir nicht überall steife Schwänze und nackte Kerle sehen? Natürlich können wir diesen Weg gehen, aber wir werden nie wirklich weiterkommen dabei, sondern auf der Stelle treten. Und wenn wir einmal die Szene unserer Stadt verlassen, lernen wir vielleicht, dass dies nicht der Lebensrealität der allermeisten Homosexuellen entspricht - und diese Männer sind deswegen noch lange nicht alle verklemmte Drückeberger und Landeier. Nur wer sich in seiner Selbstwahrnehmung unbedeutend und minderwertig fühlt, bellt sofort auf, wenn er sich nicht sofort überall in aller Extravaganz ausleben kann.


Es geht nicht darum, sich anzupassen, definitiv nein! Wir dürfen und müssen unsere Vielfältigkeit zeigen, wir sollen uns als Lederkerl genauso ausleben wie die Drag Queen stolz den Fußgängerweg als Catwalk neu definieren darf. Aber wir können auch einmal etwas feinfühliger sein, ohne gleich unsere Positionen zu verraten. Rücksicht nehmen bedeutet nicht, klein beizugeben. Sondern das genaue Gegenteil. Es zeugt von Reflexion und Intelligenz. 

Manchmal scheinen unsere Ansichten so weit links zu sein, dass sie politisch rechts schon wieder herauskommen. Oder? Wir fordern zu Recht vollkommene Akzeptanz, sind jedoch selbst nicht fähig, diese Form von menschlicher Anerkennung des Anderen zu leben. Das betrifft den gläubigen Moslem genauso wie die spießige Hausfrau, die noch nie in Berührung mit Homosexualität gekommen ist. Natürlich können wir arrogant vor ihnen stehen und sagen: Kommt gefälligst damit klar. Wahr ist, dass diese Menschen uns Homosexuelle in unserer Lebensvielfalt und der Entfaltung unseres Lebens vollständig zu akzeptieren haben. Das ist der Kern unseres Grundgesetzes und der Demokratie. Und ja, das passiert nicht immer, das ist richtig, und dagegen müssen wir angehen.


Doch diese Akzeptanz ist keine Einbahnstraße. Wir haben auch die Lebenswelt von Menschen anzunehmen, mit der wir persönlich vielleicht nicht so viel anfangen können, insofern diese auf Rechtsstaatlichkeit fußt und keinem anderen Individuum Schaden zufügt. Es ist leicht, sich über die „Dorfmenschen“, die „Hinterwäldler“ lustig zu machen. Es fällt leicht, über den irrationalen und sich selbst gerne einmal widersprechenden, religiösen Glauben von Menschen den Kopf zu schütteln, aber ist es deswegen unmöglich, solche Menschen gleichwertig zu behandeln? Vor dir steht ein Mensch, keine Religion. Vor dir steht ein Mensch, der vielleicht noch nie in Berührung mit einer anderen Lebensweise als der seinen gekommen ist.

Wir dürfen Ausgrenzung oder gar gewaltsame Übergriffe gegenüber Homosexuellen nicht hinnehmen. Ja! Es gilt, sich dem Rollback, dem Zurückdrängen unserer Grundrechte als Menschen, entgegenzustellen. Ob dies nun von AFD-Mitgliedern kommt, von Despoten aus anderen europäischen Ländern oder Vertretern unterschiedlicher Religionen. Aber: Es geht jetzt um Menschen, um deinen Nachbarn, um den „Fremden“, den du auf der Straße triffst. Ich bin ein schwuler Mann und ich habe wahrscheinlich mit der durchschnittlichen Lebenswirklichkeit eines Türken oder eines Muslims in Berlin herzlich wenig gemeinsam, aber ist es für mich deswegen unmöglich, ihn wie einen gleichwertigen Menschen zu behandeln? Nein!

Wir alle werden geprägt durch die Erziehung und die Gesellschaft sowie deren Lebensmodelle, die uns umgeben. Ich bin in einem atheistischen Haushalt groß geworden und hatte das Glück Eltern zu haben, die mich anhielten, mir meine eignen Gedanken zu machen, mir eigenständig eine Meinung zu bilden, Argumente abzuwägen. Das ist ein großes Glück, ein Zufall, ich habe zunächst einmal nichts zu dieser Ausgangssituation beigetragen.

Wie muss es Menschen ergehen, die dies nicht erleben durften? Die in streng religiösen Haushalten aufgewachsen sind. Oder in einem sehr fremdenfeindlichen Umfeld? Wir hinterfragen als Kinder nicht die Lebensmodelle und Weltsicht unserer Eltern, wie könnten wir das auch? Sie sind über Jahre unsere einzige vertraute Bezugsquelle. Wir lieben sie, uneingeschränkt, wenigstens die ersten Jahre. Wir können uns über diesen Fakt leichtfertig hinwegsetzen und sagen: Als erwachsene Menschen müssten doch alle endlich verstanden haben, was gut und schlecht ist.

Natürlich mutet es manchmal etwas seltsam an, dass clevere Wissenschaftler dir die Welt erklären können und gleichzeitig darauf beharren, dass Eva aus der Rippe Adams entstanden ist. Erste Studien legen allerdings die verständliche These nahe, dass es für die allermeisten Menschen sehr schwierig ist, sich ganz von der Prägung ihres Elternhauses zu lösen, selbst wenn das logisch wäre.

Homosexuelle haben einen fundamentalen Vorteil gegenüber den meisten anderen Menschen: Sehr viele von uns erleben irgendwann ihr Coming Out und stehen damit offen zu ihrer Sexualität und zu ihrer Lebensrealität. Das hat in den meisten Fällen sehr viel Mut abverlangt - und erinnerst du dich noch warum? Weil die Gefahr bestand, nicht akzeptiert zu werden. Von der Gemeinschaft, der Familie ausgeschlossen zu werden.

Wir machen diesen Prozess durch, weil wir uns dafür entschieden haben, selbstbewusst mit unserem Leben umzugehen. Doch wir gehen diesen Schritt nicht einfach so, ein innerer Drang leitet uns dahin. Der Drang, einen nicht unerheblichen Teil unseres Lebens frei leben zu dürfen. Sich nicht verstecken, verstellen zu müssen. Kurzum, wir tun es, um irgendwann glücklich sein zu dürfen. Und frei.

Aber wie können wir automatisch von allen Anderen erwarten, ein ähnliches Coming Out zu vollziehen, wenn der innere Drang gar nicht vorhanden ist? Vielleicht fühlt sich der junge Muslim ganz wohl in seiner Gemeinschaft, selbst wenn die deutsche Bevölkerung mehrheitlich immer weniger etwas mit Religionen anfangen kann. Wir müssen begreifen, dass die Idee zu einem möglichen Lebenswechsel hier von außen kommt und nicht von innen und deswegen wesentlich weniger drängend ist.


Noch einmal zur Klarstellung: Es geht nicht darum, menschenverachtendes Verhalten unserer Mitmenschen, ob verbal oder physisch, gut zu reden. Aber vielleicht schaffen wir es einmal, unsere Gedankenblasen zu verlassen und uns in das Leben eines anderen Menschen hineinzudenken. Und dann lernen wir vielleicht, wie wir einfach mit Respekt und Höflichkeit miteinander umgehen können, ohne dass unsere Lebensmodelle deckungsgleich sein müssen. Niemand soll sich verstecken, aber wir müssen auch nicht unsere Lebensrealität jedem Unbekannten ungefragt ins Gesicht kotzen. Und dann verlangen, dass er das sofort und unbedingt toll zu finden hat.

Vielleicht lernen wir, mit mehr Menschlichkeit miteinander umzugehen. Und übrigens auch und gerade innerhalb der schwulen Szene. Wo sind sie denn, all die Fetten, Alten, Brillenträger, Transen und Asiaten? Wie kann man eigentlich ernsthaft Akzeptanz einfordern, wenn man auf seinem eigenen Dating-Profil mehr als die halbe Community per se ausgrenzt? Ich kenne das Argument, dass es sich schließlich um Sex drehe und da habe eben jeder seine eignen Vorlieben.

Die darf auch jeder haben. Ich muss nicht mit behaarten Kerlen schlafen, wenn ich das will. Oder mit femininen Boys mit abgeknicktem kleinen Finger. Aber ich könnte mir trotzdem eine Grundform von menschlichem Miteinander bewahren und - es mag altbacken klingen - höflich und respektvoll miteinander umgehen. Ist das wirklich so schwer? Ist das wirklich so zeitaufwendig, nur weil du mit einer Hand schon deinen Schwanz in der Hand hast und den nächsten schnellen Fick suchst?


Und wo wir gerade beim Thema sind: Wie ist das nun also mit den Schwänzen. Müssen wir sie überall omnipräsent zeigen? Verstehen wir das unter Akzeptanz? Ist es das, wofür Menschen wie Harvey Milk gekämpft haben? Gestorben sind? Wer seine Freiheit nur nach sexueller Freizügigkeit bemisst, hat die Freiheit nicht verstanden.

Ja, wir dürfen sexuell frei leben, wir dürfen uns ausleben, wir dürfen uns von Club zu Club ficken, wenn wir das wollen. Aber wir sollten akzeptieren, dass es nicht die Lebensrealität der meisten, auch homosexuellen Menschen, ist. Anstatt also ständig sofort den Schwanz rauszuholen, wie wäre es mal mit einem viel revolutionäreren Akt? Redet miteinander. Über eure Lebenswelten. Am Ende wartet kein Orgasmus, aber vielleicht ein Stück mehr Erkenntnis. Die Freiheit, die wir einfordern, ist immer auch die Freiheit der Anderen.

Copyright Bilder: Lucas Entertainment

Titelbild: Men.com

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AUTOR:
Joe Heinrich

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