Die LGBTQ-Kultur – systemrelevant oder nicht?

Die LGBTQ-Kultur – systemrelevant oder nicht?


Comic-Autor Ralf König hat es in einem Interview mit dem Boner Magazine schön zusammengefasst: Es wäre doch schön, wenn das Gezeter innerhalb der LGBTQ-Community einmal zur Ruhe kommt und man sich auf das Wesentliche zurückbesinnen kann. Ein wunderbarer Gedanke, doch zeigt sich, dass selbst jetzt innerhalb der Krise um Covid-19 und den damit verbundenen Auswirkungen neuer Twist und gegenseitige Anfeindungen entstehen. 2020 sind beinahe alle großen Veranstaltungen deutschlandweit verboten worden. Darunter fielen hunderte Events gerade auch im schwul-lesbischen Bereich: CSDs, Straßenfeste, Clubfestivals, Partys, Kulturangebote, Konzerte und vieles mehr.


Man sollte meinen, dass ein solcher bis heute einmaliger Vorgang wenigstens auf ein Mindestmaß an solidarischem Denken innerhalb der Community trifft. Doch mitnichten beziehungsweise eben nur teilweise. All die Unkenrufer bekommen nun Hochwasser und frohlocken freudig sabbernd in jedes Gespräch online wie offline hinein:

Wer braucht schon die Community? Alles doch nur noch Kommerz und Sexpartys. Gut, wenn der Blödsinn endlich mal ein Ende hat. Und überhaupt, die Szene, die Community, was ist das schon? Und was hat das alles schon mit ein paar abgesagten CSDs oder Clubfestivals zu tun?


Wer als schwuler Mann oder generell Teil einer nicht-heterosexuellen Community so spricht, verkennt nicht nur die Wichtigkeit der Vielfalt unserer Community, er hat schlicht und ergreifend auch keine Ahnung davon, wie es in der Realität um die Szene bestellt ist – und welche enorme Wichtigkeit sie bis heute hat.

Schauen wir uns die Vorwürfe doch einmal etwas genauer an: Kommen wir zum gern genommenen Punkt Kommerz: Die großen Clubbetreiber wühlen sich also Abend für Abend in Bergen aus Gold und Münzen, so wie das Dagobert Duck gerne in seinem Geldspeicher tut. Wer das denkt, sollte sich dringend einmal die Zeit nehmen, mit den Betreibern solcher Events persönlich zu reden – sein Weltbild hat nämlich mit der Realität nichts zu tun.


Viele Clubs, Szeneläden und Lokalitäten agieren bereits seit Jahren am Rande der Insolvenz, tragen sich in mageren Monaten oftmals sogar nur mit privatem Geld von Monat zu Monat weiter. Ähnlich sieht es zum Beispiel mit Buchläden in der LGBTQ-Community aus, genau drei davon haben bis heute in Berlin, Wien und Stuttgart zum Glück überlebt.

Und selbst wenn man sich einmal die großen Partys ansieht, die mehrere hundert Männer anlocken, ist die Lage nicht viel besser. In den meisten Fällen sind solche Events Plus-Minus-Null-Geschäfte. Wenn es wirklich gut läuft, steht am Ende ein kleiner Gewinn. Dann muss aber alles funktioniert haben – das Haus muss voll gewesen sein, das Wetter passend und die Musik richtig geflasht haben. Trotzdem fallen immense Kosten an: Miete, Mitarbeiter, Auflagen der jeweiligen Städte und Locations, Werbung, Anzeigen, Gebühren für mögliche Rechte und so weiter - reich wird davon kein Clubbetreiber mehr.


Es ist egal, ob man einen Club, einen Laden, ein Cáfe oder einen Verlag für Magazine, Bücher oder Filme für die LGBTQ-Community betreibt – fast immer geschieht dies, so verklärt romantisch es vielleicht klingen mag, aus einer persönlichen Motivation heraus. Dahinter steckt meistens auch der Wunsch, der eigenen Community etwas zurückzugeben, sie zu stärken und die Vielfältigkeit einer eigenen Subkultur zu bereichern. Wer finanziell reich werden will, engagiert sich nicht in der schwul-lesbischen Community.


Und die bösen Sexpartys?

Die Imagekiller für all jene, die darin nur einen Gesichtsverlust für die Community erkennen? Das Ausleben der eigenen Sexualität, die Freiheit dieser Entscheidung, ist eines der Grundpfeiler jeder Bewegung innerhalb der Community hin zu gleichen Rechten und zu echter Akzeptanz in einer Gesellschaft. Sexualität hat nichts Verwerfliches, nichts Negatives an sich.


Und selbst wenn viele schwule Männer vielleicht nichts mit den Sexpartys anfangen können, so sollten wir doch trotzdem anderen Männern nicht verwehren, sich in dieser Weise auszuleben. Es liegt in der freien Entscheidung jedes Einzelnen, wie er sein Leben gestaltet – und gerade innerhalb der Community sollten wir mit viel mehr Respekt miteinander umgehen, auch und gerade wenn die Lebensweise des anderen nicht der eigenen entspricht.

Das gilt für sexfreudige Männer genauso wie für alle jene Gruppierungen, die gerne einmal ausgegrenzt werden – von den „Dicken“ über die „Tunten“ bis hin zu den „Transen“. Ich kann keine Gleichberechtigung und Akzeptanz für mein Leben einfordern, wenn ich andere Menschen mit anderen Lebensmodellen herabsetze.


Und noch einmal zur Klarstellung: In sehr vielen Fällen waren es genau jene sexuell aktiven Männer und Frauen, die aufbegehrten und sich für mehr Gleichberechtigung in der Community einsetzten. Der brave, angepasste Homosexuelle stand die erste Zeit eher selten auf der Straße und forderte wirkliche Akzeptanz ein. Er hatte ja zu viel an Reputation zu verlieren.


Bleibt die Sache mit der Szene selbst: Diejenigen, die der Szene schon immer fern geblieben sind, sehen keinen Verlust darin, wenn jetzt Events ausfallen, Clubs und Bars dauerhaft schließen. Sie verkennen dabei, dass die Szene auch dann für sie da war, wenn sie diese selbst nicht persönlich genutzt haben.

Wie bereits erwähnt, ist die Motivation der allermeisten Betreiber eine hochpolitische und persönliche. Zudem zeigen all diese Treffpunkte aber auch Flagge für die Community. Sie präsentieren das Bild einer LGBTQ-Community, die gerade in den letzten Jahren massiv erneut unter Druck stand.


Wir wissen von dem Rollback der Rechte für homosexuelle Menschen. In immer mehr Teilen Europas (und der restlichen Welt wie Amerika oder Brasilien stellenweise ebenso) wird wieder massiv versucht, hart erkämpfte Rechte zu beschneiden oder gar ganz abzuschaffen. Zudem wird rechtes, homosexuellenfeindliches Gedankengut immer mehr wieder en vogue.

Wir dürfen nicht so naiv sein zu glauben, dass alles Erreichte per se für immer einfach so Bestand haben wird. Es bedarf Standhaftigkeit, kritischer Aufmerksamkeit und eben auch Sichtbarkeit im Lebensalltag aller Menschen, damit Lebensmodelle aus dem LGBTQ-Bereich als gleichwertig und weiterhin dazu gehörig verstanden werden.


Hier leisten all die verbliebenen Bars, Clubs, Kulturveranstaltungen und Events aus der Community einen enormen Dienst – für uns alle! Wer in diesen Zeiten also einmal mehr leichtfertig das Wegfallen vieler Treffpunkte für schwule Männer mit einem Achselzucken kommentiert, weil es augenscheinlich nichts mit ihm persönlich zu tun hätte, ist an Einfältigkeit kaum mehr zu überbieten.


Das Drama, das sich derzeit abspielt, ist ein äußert schmerzhaftes, denn gerade im kulturellen Betrieb stehen viele tausende Menschen vor einer Katastrophe. Der LGBTQ-Kultur ist ein massiver Schaden entstanden – viele Clubs, Bars und Treffpunkte werden die Corona-Krise so wohl nicht überleben. Zudem muss sich die gesamte Kultur- und Clubszene damit auseinandersetzen, dass sie als „nicht systemrelevant“ eingestuft wird. Man könne doch am ehesten auf sie verzichten.


Können wir das wirklich?

Sind all diese Veranstaltungen nicht ein unverzichtbarer Gesellschaftskitt? Und innerhalb der Community eine massive Stärkung, ein Fels in der Brandung? Manchen Menschen aus der Community fehlt es zutiefst an Respekt, für die Kultur genauso wie vor der eigenen LGBTQ-Community.

Wir sehen es allein daran, wie leichtfertig hingenommen wird, dass die Szene extrem durchgeschüttelt wird. Und wir erkennen es daran, wie scheinbar selbstverständlich wir unsere Künstler/innen in die existenzielle Not laufen lassen. Die Politik und viele von uns sollten endlich aufhören, die Kultur und die Menschen, die sich für diese einsetzen und in ihr arbeiten, so selbstverständlich und leichtfüßig im Stich zu lassen.


Vielleicht zur Einordnung ein paar Fakten: Das durchschnittliche Jahreseinkommen von freien Musikern betrug zuletzt laut Künstlersozialkasse gerade einmal rund 14.600 Euro, bei Frauen liegt der Schnitt sogar um über 2.000 Euro niedriger. Rund 50.000 Musiker/innen plus eine sechsstellige Zahl an Freiberuflern im Kultur-und Szenebereich wurden von einem Tag auf den anderen all ihrer Einnahmequellen beraubt. Die politisch bewusste umgesetzte Bürokratie Deutschlands hat trotz diverser Versprechungen für die meisten kreativen Köpfe keine Hilfe bereitgestellt - oder erst mit Monaten Verspätung und dann abermals viel zu wenig.


Aber wenn kümmert es schon, oder?

Die großen Events und Konzerte werden schon überleben, nicht wahr? Natürlich mag es tatsächlich stimmen, dass große, europaweite Eventveranstalter ausreichend finanzielle Reserven haben, doch unsere Kultur und Szene lebt nicht von den wenigen gigantischen Veranstaltungen, sondern von den tausenden kleinen Angeboten, die die Vielfältigkeit einer Gesellschaft präsentieren und lebensnotwendig bereichern.


Das gilt in besonderem Maße auch für die schwul-lesbische Community und ihre Angebote. Wer jetzt das Wegfallen vieler LGBTQ-Veranstaltungen als unwichtig abtut, schlägt nicht nur all den hochmotivierten, oftmals auch ehrenamtlich agierenden queeren Menschen aus seiner eigenen Community verbal brutal ins Gesicht, er verkennt auch die große Gefahr, dass unser aller Rechte und unsere erkämpfte Stellung innerhalb der Gesellschaft massiv leiden werden. Unsere schwul-lesbische Kultur in all ihrer Vielfalt ist nicht nur systemrelevant, sie ist überlebenswichtig für uns alle!

AUTOR:
Michael Soze
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