Der Backup-Partner!

Der Backup-Partner!


Alles gut in der Beziehung? Dein Mann ist ein heißer Kerl, der Sex ist gut und auch zwischenmenschlich läuft alles prächtig? Und trotzdem saust einem da ab und an ein anderer Typ durch den Kopf und wir fragen uns: Was wäre, wenn ich jetzt mit ihm in einer Beziehung wäre? Kennst du das?

Dann herzlich Willkommen in der Welt des Backup-Partners. Einen solchen Kerl in der Hinterhand zu haben scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein. Laut einer Onlineumfrage der Süddeutschen Zeitung haben drei von vier Menschen einen solchen Partner für Notfälle, wenn es mit dem aktuellen Fang nicht mehr klappt.

Und irgendwie scheint auch unser gesunder Menschenverstand immer mal wieder auszusetzen, denn fragt man genauer nach, ist eines offensichtlich: Die Gedanken an den anderen Mann haben ihren Ursprung mehrheitlich nicht in akuten Beziehungsproblemen - Dreiviertel der schwulen Männer in einer Partnerschaft sind mit ihrer aktuellen Zweisamkeit zufrieden, so eine Studie der Deutschen Aidshilfe. Rund sechzig Prozent der Gays leben auch zusammen, in den großen Städten wie Berlin, München oder Köln sind es sogar noch mehr. Warum ist da also immer wieder der andere Mann in unserem Kopf?


Die Antwort darauf ist mannigfaltig. Meistens haben die Basisfakten ja alle gepasst, der Kerl war einem sympathisch, man fand ihn anziehend, sexy und das gewisse Etwas hatte er auch, kurzum, das Prickeln war vorhanden! Je nach Intensität des Kennenlernens damals weiß man auch, wie geil der Sex mit ihm war. Es klappte also aus anderen, meist sehr banalen Umständen nicht: Die große Entfernung, die beruflich zu verschiedenen Wege, das Timing oder die persönliche Weiterentwicklung.

Doch potenziell war da ein interessanter Kandidat, der hätte mehr sein können als ein sexuelles Abenteuer. Und je länger man in der schwulen Szene unterwegs ist, desto mehr werden solche Männer wertgeschätzt bei all den Eintagsfliegen da draußen. Doch dann kam der aktuelle Partner dazwischen, alles war irgendwie besser, anders, schöner – oder passte einfach im Augenblick noch besser zusammen.

Und trotzdem fragen wir uns, was wäre wenn?

Besonders gerne natürlich gerade dann, wenn wir meist aus einer banalen Kleinigkeit heraus unzufrieden sind. Dein Mann hatte heute keine Lust auf Sex? Oder der unsinnige Streit vergangene Nacht? Wäre so etwas mit dem Anderen auch passiert? Gerne neigen wir in solchen Fällen dazu, unsere nie ausgelebte Beziehung mit dem Backupkerl zu idealisieren, anstatt uns einzugestehen, dass unser Bauchgefühl es besser wusste.


Ein anderer Aspekt ist das Thema Sicher­heit – ein großer Faktor, der uns bereits in die Wiege gelegt ist. Die Sehnsucht nach Sicherheit, jener Mischung aus Nähe und Geborgenheit, kennen wir bereits als Neu­geborene. Durch die Jahrtausende hindurch manifestierte sich zudem der Herdentrieb in uns, es galt, möglichst geschützt, sicher eben, durchs Leben zu kommen. Verständlich also, dass nicht wenige Männer so auch in einer Beziehung agieren.

Es ist sehr angenehm, stets eine Nummer zwei in der Hinterhand zu haben. Sollte es doch irgendwann nicht mehr mit dem derzeitigen Traumprinzen klappen, gibt es da immer noch den anderen Kerl – ein Anruf genügt?! Und so verbringen wir immer mal wieder Zeit damit, uns auf seinen Profilen zu vergewissern, dass er noch immer Single ist, also zu haben wäre. Klicken uns auf Instagram durch seine aktuellen Bilderserien und träumen uns für kurze Augenblicke in eine Fiktion, die mit der Realität meist nicht standhalten könnte.

Denn auch das bedeutet Beziehung, zu erkennen, dass der aktuelle Partner nicht perfekt ist – und es nie ganz sein kann. Es lebt sich deutlich entspannter, wenn wir dies akzeptieren und unseren Partner aufgrund von Eigenschaften und Werten lieben, anstatt seine Macken geistig Tag für Tag zusammen zu addieren – denn wenn wir ehrlich sind, auch wir haben unsere Fehler.


Doch trotzdem schieben sich eben manchmal diese hinterlistigen Gedanken ein. Es ist ein Leichtes, sich den Backup-Part­ner warm zu halten, noch dazu, wenn man selbst der dominierende Part in dieser Verbindung war oder immer noch ist. Eine kleine Nachricht und schon ist das Gegenüber entzückt, man plaudert scheinbar belanglos und während man selbst meist am nächsten Tag das Geplänkel schon wieder vergessen hat, kann es beim Backuptypen noch Wochen nachhallen.

Fair gegenüber dem Backup-Kerl

Und genau hier sind wir am entscheidenden Punkt: Sei fair gegenüber dem anderen Mann! Während dieser vielleicht auf längere Zeit wartet und hofft, dass es mit dir doch noch was werden könnte, sich sogar reale Chancen ausrechnet, bleibt er für dich doch nur der Notnagel, um im Worst Case nicht allein abends auf der Couch sitzen zu müssen. Zum einen ist das ein dauerhaft bittersüßer Schmerz, zum anderen erschwerst du so für den anderen Kerl die Möglichkeit, vielleicht selbst in eine neue Beziehung zu gelangen.

Denn immer bist du gedanklich da ja im Weg. Man kann sich nicht zwingen, alle Gedan­ken an den Backup-Kerl auszulöschen, aber man kann fair mit der Situation umgehen. Und je ehrlicher man zu sich selbst ist, desto öfter gesteht man sich ein, dass auch dieser Kerl 2.0 seine Macken hat. Meistens gab es nämlich gute Gründe oder vielleicht nur kleine Anzeichen (der Geruch, sein Blick), warum es irgendwie dann doch nicht zwischen euch geklappt hat.


Ehrlichkeit sich selbst und dem Anderen gegenüber kann da ganz massiv für Klarheit sorgen. Natürlich verlieren wir dadurch ein Stück weit auch unseren emotionalen Sicherheitsairbag, Plan B sozusagen – und das kann gut sein, es zwingt dich nämlich, dich mehr auf deine jetzige Beziehung zu konzentrieren und sie als das anzusehen, was sie ist: etwas Besonderes.

Klar, sollte es trotzdem nicht Liebe für alle Zeiten sein, so kann am Horizont auch ein neuer Mann auftauchen. Das ist keine Garantie, aber doch eine durchaus berechtigte Möglichkeit. Doch wie wäre es mit dem beinahe revolutionären Gedanken für schwule Jungs, nicht stets nach etwas Besserem zu suchen, sondern zu begreifen, dass der Kerl jetzt in diesem Moment an deiner Seite schon echt gut ist – wenn nicht, dann solltest du dich mal selbst hinterfragen, warum du überhaupt in einer Beziehung mit ihm lebst!

Also, auch an einem miesen Tag mache dir klar, dein aktueller Partner ist der, auf den du dich konzentrieren solltest. Dem du deine Zeit, deine Aufmerksamkeit und deine Gedanken widmen solltest. Lass dich darauf ein, ohne doppelten Boden und Netz. Das wäre ein verdammt mutiger Schritt und er lohnt sich.


Sex mit dem Backup-Partner?

Sex mit dem Backup-Kerl ist ein heikles Thema, gleich aus mehreren Punkten: Es stimmt, dass sich schwule Beziehungen sexuell öffnen, je länger sie andauern. Nach vier Jahren sind drei von vier schwulen Beziehungen offen, lassen also auch Sex mit anderen Kerlen zu. Grundsätzlich also auch mit dem Backup-Partner?

Auf der einen Seite eine gute Idee, weil du überprüfen kannst, ob der Notnagel wirklich so toll ist, wie du dir das vielleicht ausmalst und dann mit der Realität konfrontiert wirst. Auf der anderen Seite eine verdammt blöde Idee, denn was ist, wenn er wirklich so ein geiler Hengst ist?

Zudem spielen von Anfang an automatisch mehr Ge­fühle mit hinein, als wenn du einfach mit einem fremden Mann oder einem Fuckbuddy deinen Spaß hast. Offenheit ist also auch hier das oberste Prinzip – auch gegenüber dem Backup-Kerl. Geht es wirklich nur um Sex? Dann mache ihm das auch klar und zwar bevor der steife Schwanz aus der Jeans herausspringt. Danach verschwindet die Rationalität meistens sehr sprunghaft.


Natürlich gibt es ab und an auch den an­­­deren Fall – der Backup-Partner ist die wahre Nummer Eins. Und erst nach einigen Jahren und zweiten oder dritten Anläufen fügt sich alles ineinander und ihr findet zusammen. Es gibt hier keine Faustregel, nur die Möglichkeit, sich immer wieder selbst zu hinterfragen.

Verschwinden oder verblassen die Erinnerungen an den anderen Kerl trotz aller Konzentration und Zufriedenheit mit dem eigenen Partner nicht? Vielleicht steckt dann doch mehr dahinter. Wie wäre es dann mit einem unverbindlichen Treffen? Damit wäre zum Beispiel ein Kaffeehaus gemeint, kein romantisches Abendessen beim Lieblingsitaliener. Und direkt unverbindlich ist es auch nicht, wenn ihr beide nackt seid und Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden – nur so als Tipp.

Verstärken sich die Gefühle immer mehr? Dann solltest du wirklich in dich gehen und dir überlegen, welcher Mann näher an deinem Herzen ist. Es ist schwer, hier sachlich zu bleiben, immerhin geht es um Emotionen, doch es wäre ratsam, sich mit aller möglichen Nüchternheit zu überlegen, welcher Mann besser zu deinem Leben passt – auch abseits des Themas Sex. Immerhin geht es hier im besten Fall um eine Beziehung mit Langzeitcharakter. In schwulen Maßstäben umgerechnet reden wir also von mindestens drei Monaten.


Manchmal haben ja auch die richtigen Kerle mit dem falschen Timing eine zweite Chance verdient. Die Lösung aller Probleme für dich könnte natürlich auch eine Dreier-Beziehung sein, doch ist diese selbst unter Homosexuellen noch eine rare Seltenheit und bei weitem ebenso nicht frei von Problemen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir es nie hundertprozentig wissen werden können.

Die Frage nach dem anderen fremden Mann kann immer ein Stück weit bestehen, doch man sollte vor allem gerade für sich selbst mit der Zeit Klarheit schaffen, denn nur so kannst du dich ganz auf dein Gegenüber einlassen und selbst zufrieden und glücklich damit werden. Unsere Leben sind immer eine Summe vieler Entscheidungen, doch es lohnt nicht, Vergangenem lange nachzutrauern, weil wir uns die Gegenwart dadurch nur mies machen.

Copyright Bilder: Cockyboys

AUTOR:
Michael Soze

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