Der Ort, der nicht existiert

Eigentlich war Popmusik anfangs gar nicht sein Ding: Sam Vance-Law legte in seinem Kinderzimmer lieber Klassik auf und intonierte sie als Jugendlicher selbst. Wir trafen den gut aussehenden und extrem charmanten Musiker in den Kreuzberger Räumen seines Labels Caroline Records.

Homotopia ist dein Debütalbum. Hast du keine Angst, dich gleich zu Beginn deiner Karriere zu outen? Nein, du musst es tun. Wenn nicht am Anfang, wann dann?

Du spielst gerne mit schwulen Stereotypen, besonders in dem Video zu Pretty Boy ist das zu sehen. Erfahren wir auf der Platte  mehr über deinen Blick auf das moderne, schwule Leben? Auf der Platte geht es darum, dass das schwule Leben wie jedes andere normale Leben ist. Man sollte nicht versuchen, bestimmte Stereotypen oder Ideen zu nehmen und sie auf unsere Leben zu münzen. Um das zu verdeutlichen, kann man mit bereits existierenden Stereotypen spielen, sie hinterfragen und so versuchen, sie komplexer darzustellen, um ein umfassenderes Bild jenseits von Schubladen zu erhalten.

„es geht nur um den schwulen Raum und die darin lebenden Menschen. Und all dem, was wir durchmachen müssen, nur um so zu sein, wie wir sind.“

Warum der Titel Homotopia? Wahrscheinlich ist das erste, woran die meisten Leute denken: Utopie. Und allgemein versteht man unter dem Begriff einen idealen oder perfekten Raum, eine Art Insel, oft mit Stränden, oft mit mehr Sonnenschein als Berlin. Aber Utopie bedeutet ursprünglich „kein Ort“. Das impliziert eben, dass man diesen Ort niemals haben kann, weil dieser Ort gar nicht existiert. Es geht also nicht um die Utopie und die makellosen Inseln, es geht auch nicht um Dystopie, es geht nur um den schwulen Raum und die darin lebenden Menschen. Und all dem, was wir durchmachen müssen, nur um so zu sein, wie wir sind.

Homotopia

An vielen Orten ist es schwierig, offen schwul zu sein. Hättest du Angst, etwa in Russland oder im Nahen Osten aufzutreten? Absolut, ich wäre wahrscheinlich ein Idiot, wenn ich keine Angst davor hätte?

Um dich selbst? Um das Publikum? Ich hätte weniger Angst um mich persönlich, sondern viel mehr um das Publikum. Als Künstler aus dem Westen kommt man wahrscheinlich damit durch, aber für die Leute, die zu den Shows kommen oder die die Musik hören oder runterladen besteht die Gefahr, dass sie zensiert, verhaftet, gefoltert oder getötet werden. Das ist ganz nicht das, was ich will. Aber aus dem gleichen Grund wollte ich so eine Platte machen, und nicht davor zurückzuschrecken, offen dazu zu stehen, wer ich bin oder wer wir sind. Es gibt sicherlich Leute, die sich angesprochen fühlen werden und merken, dass es jemanden gibt, der ihnen zumindest musikalisch den Rücken stärkt.

Zurück in den sicheren Raum von Berlin. Wie bist du in der wundervollen deutschen Hauptstadt gelandet? Das war ein Unfall. Ich habe damals in Frankreich gelebt und kam für eine Woche zu Besuch zu einem Freund. Und dann bin ich geblieben. Das war vor acht Jahren. Ich war damals noch jünger und impulsiver.

Wo trifft man dich in Berlin? Ich bleibe viel zu Hause und warte darauf, dass der Sommer wieder kommt, damit ich irgendwo rumhängen kann. Ich bin gerne in der Hasenheide oder am Ufer oder irgendwo draußen.

Du bist also nicht der Club-Kid-Typ? Ich hatte diese Phase und es hat mir sehr gut gefallen, aber ich habe jetzt mehr Verantwortung, ich muss morgens aufstehen, also nein, ich bin kein Clubkind mehr.

Morgens aufstehen? Das ist nicht gerade typisch für Berlin. Nein, ich weiß, es ist scheiße! Irgendetwas ist schief gelaufen.

Hast du einen Freund? Oder bist du auf der Suche? Oh, das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Ich habe keinen Freund. Und ich lasse mir im Moment auch Zeit damit.

Mehr auf www.samvancelaw.com

Sam Vance-Law Tourdaten 
03.03. Berlin – Prachtwerk
22.10. Leipzig, Naumanns
23.10. München, Milla
26.10. Berlin, Lido
27.10. Hamburg, Nachtspeicher

Interview: Torsten Schwick

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