Kaum zu glauben, aber der Porno feiert tatsächlich seinen hundertjährigen Geburtstag. Ganz genau lässt sich das Jubiläum nicht festmachen, da die kurzen Filmchen damals illegal und nur im Geheimen produziert wurden. Klar ist aber, der Pornofilm startete seinen Siegeszug in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die allerersten Pornofilme wurden bereits mit dem Aufkommen des bewegten Bildes Mitte der 1890er-Jahre stumm und in schwarz-weiß gedreht. Die sogenannten Stag-Filme (abgeleitet vom englischen Begriff für Hirsch) hatten ihre Anfänge in den 1915er-Jahren.

Nennenswert in Serie ging die Pornoproduktion dann in den zwanziger Jahren. Die Stag-Filme waren dabei meistens nicht länger als zehn Minuten und wurden vor allem in Wanderkinos und bei Herrenabenden präsentiert.

Auch und gerade im freizügigen Berlin der zwanziger Jahre erfreuten sich die kurzen sexuellen Darstellungen großer Beliebtheit. Und die Pornos jener Zeit waren oftmals auch härter, als wir uns das heute vielleicht vorstellen können. Natürlich blieben sie trotzdem verboten und die Sittenwächter jener Zeit suchten mit Arglist nach den bösen Schmuddelfilmen.

Es gab sogar Konferenzen in jenen Tagen, die zur aktiven Bekämpfung der Pornografie aufriefen. Erinnert uns das nicht doch an manch prüden Mitmenschen von heute?

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Doch auch die Betreiber der Wanderkinos waren clever und zeigten daher jene pikanten Streifen erst jeweils am letzten Abend eines Gastspiels – so entgingen sie stets der Zensur. Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten wich auch das freiheitliche Denken in Berlin und anderenorts den kruden Moralvorstellungen jener Tage.

Die Stag-Filme existieren trotzdem weiterhin, wurden aber nicht mehr heimlich von Filmstudios gedreht, sondern oftmals von Amateuren im Untergrund produziert. In der Nachkriegszeit schließlich verbreitete sich der Siegeszug der Pornofilme mit der Einführung des 8mm-Films und des Formats Super-8 immer schneller.

Plötzlich war es auch normalen Menschen möglich, einen erotischen Streifen zu drehen. Trotzdem behielten auch die Wanderkinos lange Zeit ihre hintergründig sexuelle Bedeutung, bis sich auch feste Pornokinos etablierten.

Sexshops hatten Filmkabinen, die in Dauerschleife Sexfilme zeigten, endlich dann auch mit Ton und in Farbe. Die Produktion der Stag-Filme endete somit durch die Liberalisierung der Pornobranche, nachdem immer mehr Hardcore-Streifen auch in offiziellen Kinos angesehen werden konnten.

Den Todesstoß brachte dieser Branche schließlich die VHS-Kassette samt Abspielgerät in den siebziger und achtziger Jahren. Jedermann konnte jetzt ganz privat zu Hause Pornos konsumieren – der neuste Film wartete stets in der Videothek des Vertrauens.

Gerade auch für die schwule Community bedeutete das einen enormen Schritt in Punkto sexueller Freiheit, denn endlich mussten auch Gays nicht mehr nur in dunklen Kinos ihre Lust befriedigen. Porno wurde erstmals chic, eine Entwicklung, die sich bis heute in unterschiedlich starken Ausprägungen gehalten hat.

Mit der DVD und später der Bluray wurde die Verbreitung des Pornofilms fortgeführt, bevor mit dem Aufkommen des Internets die bisher letzte große Zeitenwende für die Pornografie eingeführt wurde.

Die Zeiten, in denen Kunden gerne einmal über einhundert DM für einen einzigen Pornofilm bezahlt haben, sind längst vorbei – heute konsumieren die allermeisten schwulen Männer Pornofilme online. Sei das nun auf Gratisportalen, mit illegalen Downloads oder im Abonnement eines großen Filmstudios.

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Was zu Beginn des Pornofilms nur einem ausgewählten Publikumskreis zugänglich war, ist heute für praktisch jedermann mit einem Klick erreichbar. Über die Hälfte der Schwulen konsumiert mehrmals die Woche Sexvideos, ein Drittel von uns sogar täglich.

Über sechzig Prozent der Homosexuellen tut dies inzwischen mit Hilfe des Smartphones (Quelle fsmag). Und während sich auf der einen Seite der Blick auf den Porno verändert hat und er immer häufiger Einzug in die moderne Kunst hält – von Filmen eines Matt Lamberts bis zu Hollywoodproduktionen – ist die moralische Verruchtheit immer noch ein Dauerthema bei Teilen der Gesellschaft.

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Die subjektive Auffassung, was Pornografie ist und was sie darf, hat sich immer wieder stark verändert, massiv mit dem Aufkommen des bewegten Bildes. Einerseits wird die Demokratisierung der Pornografie gefeiert, weil heute jeder durch das Internet Produzent und Konsument sein kann.

Auf Portalen wie Cam4Com sind Tag für Tag 25.000 Kerle online und präsentieren ihre besten Seiten. Andererseits wird der Ruf nach moralischen Werten gerade aus dem politisch rechten Spektrum immer lauter. Vielleicht müssen wir wieder lernen, was vor einhundert Jahren bereits gelebt und verstanden wurde – es gibt keine strikte Trennung zwischen Pornografie und Kunst, wie auch das Bundesverfassungsgericht inzwischen festgestellt hat.

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Wir haben Definitionen, die den Versuch wagen, klare Gradmesser festzulegen, doch blickt man genau hin, verschwimmen immer wieder die Grenzen. Per Rechtsprechung sei Pornografie die grobe Darstellung des Sexuellen, drastisch, direkt, um den Sexualtrieb anzuheizen.

Aber kann das nicht auch ein stilvolles Aktbild schaffen? Wo also Grenzen ziehen jenseits der rechtlichen Eckpfeiler (Stichwort: Jugendschutz)? Und müssen wir das überhaupt?

Vielleicht würde uns ein Stück mehr liberale Offenheit wie in den zwanziger Jahren, gut zu Gesicht stehen.    

 

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